Handbuch 5. Auflage
153 Beratung Von Frank Nestmann und Ursel Sickendiek Zum Begriff Beratung Beratung (engl. counselling ) ist eine spezifische Form der zwischenmenschlichen Kommunikation: Eine Person ist (oder mehrere Personen sind) einer anderen Person (oder mehreren anderen Personen) dabei behilflich, Anforderungen und Belastungen des Alltags oder schwierigere Probleme und Krisen zu bewältigen. Beratung umfasst Hilfen bei der kognitiven und emotionalen Orientierung in un- durchschaubaren und unübersehbaren Situationen und Lebenslagen. Sie unterstützt Ratsuchende da- bei, Wahlmöglichkeiten abzuwägen, sich angesichts mehrerer Alternativen zu entscheiden oder aber Optionen bewusst offen zu halten. Beratung er- möglicht und fördert Zukunftsüberlegungen und Planungen, die aus neu gewonnenen Orientierun- gen und getroffenen Entscheidungen resultieren, sie hilft Ratsuchenden die Planungsschritte zu rea- lisieren und begleitet erste Handlungsversuche mit Reflexionsangeboten. Beraten wird in informellen alltäglichen Konstella- tionen auf der Basis unterschiedlicher familiärer, verwandtschaftlicher, freundschaftlicher, nachbar- schaftlicher oder kollegialer Beziehungen – oft eingebettet in ganz unterschiedliche Interaktions- formen. Den Hintergrund dabei bilden zumeist persönliche Erfahrungen, individuelle Alltagstheo- rien, Motivationen, Einstellungen und Kompeten- zen der Beteiligten. Beratung findet aber auch halbformalisiert statt – dort, wo Angehörige verschiedenster helfen- der Berufsgruppen in Erziehung und Bildung so- wie in Betreuung oder Pflege Beratungsfunktionen im Rahmen ihrer facettenreichen Aufgaben wahr- nehmen, ohne spezifisch dafür ausgebildet oder angestellt zu sein und ohne diese Arbeitsanteile dezidiert als Beratung auszuweisen. Beratung ist hier so etwas wie eine „Querschnittsmethode“, die Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art012, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München andere Anleitungs-, Versorgungs- oder Unterstüt- zungsleistungen durchzieht und ergänzt. Professionelle Beratung hingegen – formalisiert und als eigenständige Hilfeform – findet dort statt, wo als Berater(innen) ausgewiesene Fachkräfte auf dem Hintergrund von Beratungstheorie und Bera- tungswissenschaft methodisch geschult tätig sind. Im günstigen Fall beraten sie geplant, reflektiert und evaluiert in einem beratungsethischen Rah- men, in definierten beruflichen Rollen und in de- finierten Berater-Klient-Beziehungen – oft als Teil einer Beratungsorganisation und eines bestimmten Beratungssettings, z. B. einer Beratungsstelle. Beratung in dieser professionellen und formalisier- ten Form existiert heute in nahezu allen Lebens- bereichen. Sie ist allgegenwärtig in der Sozialen Arbeit und der psychosozialen Versorgung, im Me- dizin- und Gesundheitswesen, in Bildung, Beruf und Beschäftigung, in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens, der Wirtschaft und des Rechts, des Marktes etc. Beratungsangebote rich- ten sich an die unterschiedlichsten Altersgruppen, an Frauen und Männer, an Angehörige der „Mehr- heitsbevölkerung“, aber auch an unterschiedliche ethnische und kulturelle Minderheiten oder an so- ziale und gesundheitsbezogene „Risiko- und Pro- blemgruppen“. Beratung kann präventive, ■ ■ akut problembewältigende und ■ ■ rehabilitative, wieder normalisierende Aufgaben ■ ■ erfüllen. Beratung kann ansetzen, bevor manifeste Pro- bleme entstehen, kann bei aktuell bestehenden Schwierigkeiten in Anspruch genommen werden oder in Bezug auf den Umgang mit Folgen von Beeinträchtigungen nachgesucht oder angeboten werden. Allerdings sind Lebensschwierigkeiten
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=