Handbuch 5. Auflage
1548 Lessenich der „hart arbeitenden“ Steuerzahlergemeinschaft, die Vermeidung ungebührlicher Inanspruchnahme gesellschaftlicher Solidaritätsbereitschaft. Stets folgt die sozialpolitische Programmatik demselben Legi- timationsmuster: „Wer immer redlich sich bemüht, den können wir erlösen“ (Goethe) – nämlich von dem gesellschaftlichen Verdacht und der persönli- chen Selbstzuschreibung, durch mangelnde eigene Aktivität die Anderen (wie auch immer diese poli- tisch umschrieben sein mögen) zu schädigen. Im Lichte dieses sozialpolitischen Legitimations- musters ergeben sich folgerichtig auch neue gesell- schaftliche Ungleichheitsrelationen: Wer der sozia- len Norm der Aktivität, Mobilität, Flexibilität – auf Arbeits- und Bildungsmärkten, in Beruf, Familie und Nachbarschaft – nicht genügt, verfügt über systematisch reduzierte Lebenschancen, die sozial- staatlich nicht (mehr) kompensiert, sondern im Gegenteil symbolisch aufgeladen und festgeschrie- ben werden. Der „faule Arbeitslose“ und die deut- sche (früher nur aus US-amerikanischen Debatten bekannte) „welfare mother“ aus der „Unterschicht“, die öffentlich alimentierten „Hartz IV-Milieus“ und die sozial abgeschotteten migrantischen „Pa- rallelgesellschaften“: All dies sind individuelle und kollektive Sozialfiguren, die der heraufziehenden Aktivgesellschaft als unproduktive und parasitäre, leistungs- und integrationsverweigernde Elemente, als gefährliche – weil das Soziale gefährdende – Sub- jekte und Klassen gelten (Lessenich 2009). Wir haben es hier mit der aktuellen symbolischen Dimension politisch-sozialer Ungleichheitspro- duktion zu tun: Mit dem hör-, sicht- und auch spürbaren Ausdruck einer spezifischen, (neu)bür- gerlichen Distinktionspolitik. Anerkannt – und teils gefördert, teils erzwungen – werden heute all jene individuellen bzw. kollektiven Lebensweisen, die der aktivischen Lebensführungsnorm „bürgerli- cher“ Schichten entsprechen bzw. sich ihr anzuver- wandeln vermögen. Zum Objekt der Missachtung, tendenziell auch der Entwertung und Entwürdi- gung, werden hingegen all diejenigen Menschen, Gruppen und Milieus, die dem gesellschaftlichen Normativ des Aktivbürgers nicht genügen können, sich ihm zu entziehen oder gar zu widerstehen ver- suchen. Ob diese gesellschaftliche Konstellation sich als relativ stabil erweist oder aber über sie selbst hinaus weisende soziale Empörungsdynamiken (Thompson 1980) in Gang setzt, ist – wie noch stets in der Moderne – historisch offen. Literatur Achinger, H. (1958): Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik. Von der Arbeiterfrage zum Wohlfahrtsstaat. Rowohlt, Reinbek Allmendinger, J. (1994): Lebensverlauf und Sozialpolitik. Die Ungleichheit von Mann und Frau und ihr öffentlicher Ertrag. Campus, Frankfurt/M./New York Beckert, J. (1997): Grenzen des Marktes. Die sozialen Grund- lagen wirtschaftlicher Effizienz. Campus, Frankfurt/M./ New York Bourdieu, P. (1985): Sozialer Raum und „Klassen“. In: Bour- dieu, P. (1985): Sozialer Raum und Klassen. Leçon sur la leçon. Zwei Vorlesungen. Suhrkamp, Frankfurt/M., 7–46 – (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, R. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2. Otto Schwartz, Göttingen, 183–198 Esping-Andersen, G. (1999): Social Foundations of Postin- dustrial Economies. Oxford University Press, Oxford/New York – (1994): Welfare States and the Economy. In: Smelser, N.J., Swedberg, R. (Hrsg.): The Handbook of Economic Socio- logy. Princeton University Press, Princeton, 711–732 – (1990): The Three Worlds of Welfare Capitalism. Polity Press, Cambridge Evers, A., Heinze, R.G. (Hrsg.) (2008): Sozialpolitik. Öko- nomisierung und Entgrenzung. VS, Wiesbaden Hacker, J.S. (2002): The Divided Welfare State. The Battle over Public and Private Social Benefits in the United States. Cambridge University Press, Cambridge Honneth, A. (1992): Kampf um Anerkennung. Zur morali- schen Grammatik sozialer Konflikte. Mit einem neuen Nachwort 2003. Suhrkamp, Frankfurt/M. Kreckel, R. (2004): Politische Soziologie der sozialen Un- gleichheit. 3., überarb. und erw. Aufl. Campus, Frank- furt/M./New York Lessenich, S. (2009): Mobilität und Kontrolle. Zur Dialektik der Aktivgesellschaft. In: Dörre, K., Lessenich, S., Rosa, H.: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte. Suhrkamp, Frankfurt/M., 126–177 – (2008a): Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Transcript, Bielefeld – (2008b): Wohlfahrtsstaat. In: Baur, N., Korte, H., Löw, M., Schroer, M. (Hrsg.): Handbuch Soziologie. VS, Wiesba- den, 483–498
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