Handbuch 5. Auflage

1550  Sozialisation Von Matthias Grundmann Gegenstandsbestimmung Mit dem Begriff der Sozialisation werden im All- gemeinen Prozesse der Weitergabe von Wissen, Fä- higkeiten und Fertigkeiten von einer Generation zur nächsten umschrieben. Bei genauerer Betrach- tung dieser Prozesse kommen zwei, sich scheinbar widersprechende Sachverhalte in den Blick: Zum einen ist dies die Notwendigkeit, dass sich Indivi- duen in bestehende soziale Handlungszusammen- hänge und Strukturen (wie z. B. in die Familie, in Gleichaltrigengruppen, in Bildungsinstitutionen, in rechtliche und berufliche Organisationen usw.) integrieren. Zum anderen müssen Individuen Handlungskompetenzen erwerben, die sie dazu be- fähigen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und sich innerhalb sozialer Bezugsgruppen und sozialer Strukturen zu positionieren sowie aktiv an deren Gestaltung mitzuwirken (Hurrelmann et al. 2008b). Durch das Zusammenspiel von Sozial- integration und individueller Entwicklung werden Individuen befähigt, sich sozial zu positionieren und aktiv ihre Sozialbeziehungen und ihre Lebens- verhältnisse mitzugestalten. Die Mitgliedschaft in einer Bezugsgruppe ermöglicht es Individuen, eine personale und eine soziale Identität auszubilden. Zudem erfährt sich die Person als sozial eingebun- den und im Rahmen seiner Handlungsbefähigun- gen als handlungswirksam. Außerdem ist mit dem Begriff der Sozialisation auch die Frage verbunden, wie sich trotz individu- eller Handlungsbedürfnisse und Handlungsinte- ressen stabile Gemeinwesen etablieren können und wie die dort vorherrschenden Handlungsanforde- rungen von den beteiligten Akteuren angeeignet und stets den aktuellen Handlungsbedürfnissen und Lebensverhältnissen angepasst werden kön- nen. Aus dieser allgemeinen Perspektive heraus kann Sozialisation auch als eine spezifische soziale Praxis des Zusammenlebens beschrieben werden, die sich in der Entwicklung von Persönlichkeitsei- genschaften und personalen Handlungsbefähigun- gen ebenso äußert, wie in der Etablierung sozialer Beziehungsformen und -strukturen (Grundmann 2006a). Um die unterschiedlichen Prozesse der Persönlich- keitsgenese und der Genese sozialer Beziehungen einzufangen, die mit dem Begriff der Sozialisation umschrieben werden, hat sich in den letzten Deka- den eine subjektzentrierte Forschungsperspektive etabliert (Geulen 2005). Aus dieser Perspektive treten vor allem Prozesse der Persönlichkeitsent- wicklung ins Zentrum der empirischen Sozialisati- onsforschung. An ihnen lässt sich detailliert die aktive Auseinandersetzung des Individuums mit den sozialen und dinglich-materiellen Lebens- bedingungen nachzeichnen (Hurrelmann 2002). Aus dem Blick gerieten dabei allerdings jene sozia- len Beziehungsformen, aus denen sich die unter- schiedlichen Praxen des sozialen Miteinanders erst etablieren. Denn Sozialisation äußert sich nicht nur in den Eigenschaften und Handlungsbefä- higungen von Personen, sondern auch darin, wie diese ihre Sozialbeziehungen kultivieren, wie sie ihr soziales Miteinander konkret gestalten, wie sie mit- einander kommunizieren und umgehen. Diese Kultur des Miteinanders bestimmt maßgeblich die Gestaltungs- und damit auch die Entwicklungs- möglichkeiten des Einzelnen, mithin auch die Modalitäten der Persönlichkeitsentwicklung und deren Bewertungsmaßstäbe. Diese leiten sich so- wohl aus den alltäglichen habituellen Praktiken der Lebensführung ab (z. B. Alltagsrituale, Arbeits- und Freizeitgestaltung, kulturelle Orientierungen), als auch von gemeinsam ausgehandelten Regeln des Miteinanders (z. B. wie Konflikte reguliert werden, wer was zu sagen hat etc.) und schließlich auch von soziokulturell verfestigten bzw. auch juristisch Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art144, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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