Handbuch 5. Auflage

Sozialisation 1551 verfassten Regeln des sozialen Miteinanders (z. B. Moralvorstellungen und rechtlichen Regeln) (Ber- ger / Luckmann 1969). Das Verständnis von Sozialisation als eine konkrete soziale Praxis des Miteinanders ist für die Soziale Arbeit und die Sozialpädagogik aufschlussreich, weil sich durch Sozialisationsprozesse jene sozialen Praxen des Zusammenlebens etablieren, aus denen heraus sich Anforderungen an Personen ergeben, die sinnvoll zu vermitteln und anzueignen, zugleich aber auch im Sinne der Wohlfahrtsförderung zu gestalten sind (Grundmann 2006a). Daher infor- miert die Sozialisationsforschung auch darüber, wie in konkreten Praxisfeldern der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik ein kreatives Klima des Mit- einanders geschaffen werden kann, das letztlich auch die Verwirklichungs- und Entfaltungsmög- lichkeiten der Beteiligten steigert. Und umgekehrt: Es lassen sich aus einer sozialisationstheoretischen Analyse heraus auch jene Spannungen im Sozialge- füge einer Gruppe und jene Handlungsrestriktio- nen einer konkreten Bezugsperson identifizieren, die einer solchen Gestaltung im Wege stehen. Definition von Sozialisation Mit dem Begriff der Sozialisation sind Vorstellun- gen darüber verbunden, welche Eigenschaften und Fähigkeiten Menschen für ein geordnetes und sinnvolles Miteinander erwerben sollten und wie die Vermittlung und Tradierung von Handlungs- wissen und kulturellen Praktiken in und durch Generationenbeziehungen vollzogen werden kann. Mit ihm wird daher das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft umschrieben. Aus sozialisations- theoretischer Sicht stellen Persönlichkeitsentwick- lung und die Verfassung einer Gesellschaft daher auch wechselseitige Regulative dar. So lässt sich empirisch nachweisen, dass jegliche Unausgewo- genheit zwischen der personalen und der gesell- schaftlichen Dimension den sozialen Zusammen- halt einer Gruppe, Organisation oder gar Gesellschaft gefährdet. Allzu rigide Sozialordnun- gen unterdrücken nämlich die Gestaltungskräfte des Einzelnen und sozialer Beziehungen, eine zu lockere soziale Ordnung hingegen führt zu sub- stantiellen Verunsicherungen der Akteure, was ihre Handlungsmöglichkeiten letztlich auch ein- schränkt (Grundmann 2006a). Dieses komplexe Bedingungsgefüge lässt sich mit einer mehrstufigen Definition von Sozialisation einfangen. Demnach werden mit Sozialisation all jene Prozesse beschrieben, durch die der Einzelne über die Beziehung zu seiner physischen und sozia- len Um- und Mitwelt und über das Verständnis seiner selbst relativ dauerhafte Verhaltensweisen erwirbt, die ihn befähigen, am sozialen Leben teil- zuhaben und an dessen Entwicklung mitzuwirken. Dementsprechend drückt sich Sozialisation im be- absichtigten und unbeabsichtigten Zusammenwir- ken von Individuen, sozialen Gruppen und Insti- tutionen aus, die zur sozialen Einbindung des Einzelnen und zum gemeinschaftlichen Wohlerge- hen beitragen. Sozialisation setzt daher zwischen- menschliche Beziehungen voraus, über die der Einzelne zum Handeln befähigt und das gemein- schaftliche Gestalten der sozialen und natürlichen Umwelt möglich wird (2006a). In dieser Definition wird Sozialisation nicht nur als eine konkret zu modellierende soziale Praxis des sozialen Miteinanders bestimmt, sondern auch über die Art und Weise erfasst, wie sie sich im Han- deln von Menschen und in den Formen des Zu- sammenlebens manifestiert. Diese Manifestationen lassen sich empirisch z. B. daran messen, wie sich Menschen persönlich entwickeln und die Lebens- verhältnisse aktiv mitgestalten, in denen sie leben (Hurrelmann et al. 2008b). Dementsprechend de- finiert Klaus Hurrelmann Sozialisation als „… den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Orga- nismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebensverlauf hinweg in Aus- einandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterent- wickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grund- lagen, die für den Menschen die ‚innere Realität‘ bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die ‚äußere Realität‘ bilden“ (Hurrelmann 2002, 15). Für Sozialisation ist diesen Definitionen nach also kennzeichnend, dass sich Individuen innerhalb einer sozialen Welt verorten, indem sie sich an konkrete Bezugspersonen und sozialen Kollektiven orientieren, mit denen sie einen gemeinsamen Lebensraum teilen. Diese gemeinsame Teilhabe

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