Handbuch 5. Auflage

Sozialisation 1559 und die Gesundheit ergeben. Diese Risiken lassen sich anschaulich an den Deprivationszirkeln nach- zeichnen, die mit einem Leben in Armut verbun- den sind (Walper 1999; 2008). Um darüber hinaus die Bedeutung von Armut für Kinder und Jugend- liche herauszuarbeiten bietet es sich an, die Depri- vationserfahrungen nachzuzeichnen, die sich vor allem in extremen Armutsmilieus ergeben. In einer aktuellen Armutsstudie in Münster, einer relativ reichen und wohlhabenden Stadt, berichte- ten Experten aus der Kinder- und Jugendhilfe, dass gerade in Arbeiterfamilien mit mehreren Kindern eine Teilhabe der Betroffenen am sozialen Leben kaum noch möglich sei, die Wohnverhältnisse so eng, dass die Kinder weder Platz zum Spielen noch zum Lernen hätten, diese in ihrem Freundeskreis sozial ausgegrenzt würden und sich selber auch nicht mehr mit Gleichaltrigen treffen, weil sie über mittlerweile gängige Erfahrungen, z. B. der Com- puter- und Internetnutzung, nicht verfügen (Hoff- meister 2008, 94f ). Hinzu kommt die schulische Ausgrenzungsproblematik, also die Gefahr der Bil- dungsarmut (Edelstein 2006). Zentral jedoch ist die Beobachtung, dass sich in diesen Familien die Erfahrung verfestigt, dass dauerhafte Abhängigkei- ten von staatlichen Unterstützungsleistungen quasi normal seien, sich die Betroffenen also selbst ent- mündigen und als nicht handlungsfähig erleben. Gerade damit aber wird der Armutszirkel verschärft. Denn die generative Transmission von Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit, gepaart mit der Erfahrung von Hilf- und Machtlosigkeit untergräbt jegliche Fähigkeit der Selbstorganisation und einer aktiven Lebensführung. Hier verhindern z. B. wirtschaftli- ches Unvermögen und die Tendenz zu unkontrol- liertem Konsum eine der Situation angemessene Lebensführung. Der damit benannte Deprivations- zirkel ist besonders auch für Kinder und Jugend- liche fatal. Denn das Leben in Armut kann auch eine Form des sozialen Lernens hervorbringen, die geradewegs ins Abseits führt. Das hat mitunter nachhaltige Folgen für die Entwicklung der Hand- lungsbefähigungen der betroffenen Kinder und Ju- gendlichen. Denn wenn sich Eltern aufgrund von Resignation in die innere Emigration zurückziehen und sich nach langjähriger Arbeitslosigkeit mit ih- rer Situation abgefunden haben, ist es für deren Kinder völlig normal, ebenfalls eine Perspektive zu entwickeln, die durch mangelnde Eigenenergie ge- kennzeichnet ist (Hoffmeister 2008, 111). Damit aber ist eine weitere Deprivationserfahrung vorpro- grammiert: Denn in diesem Fall wird ihnen von der Umwelt ein Unvermögen bescheinigt, sich selbst um das eigene Leben zu kümmern, sich wirtschaft- lich, kulturell und sozial „normal“ zu verhalten. Armut wird dann auch als persönliches Defizit der Kinder und Jugendlichen selbst thematisch. Hier wird also eine – vor allem institutionell und syste- misch angelegte – Umdeutung von Armut voll- zogen: Die primäre Einkommensarmut der Eltern verwandelt sich durch das Versagen der Kinder, z. B. in der Schule, zu einer Zertifikatsarmut, die sich schließlich auch in der Unterstellung von Kompetenzarmut niederschlägt (Edelstein 2006). Die Armut erhält dadurch – neben ihrer faktischen Seite – eine biographische Bedeutung, in der sich die Lebensverhältnisse mit persönlichen Defizit- erfahrungen vermischen. Diese Zuschreibungslogik von ökonomischen, kulturellen und sozialen Defi- ziten auf Persönlichkeitseigenschaften zeigt sich auch in der Tendenz, Jugendlichen aus Armuts- milieus die Verfügbarkeit bestimmter Schlüssel- qualifikationen wie Pünktlichkeit, Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit abzusprechen. Die Entwick- lung solcher Kompetenzen setzt jedoch Lebens- bedingungen voraus, die unter extremer Armut nicht gegeben sind: Kontinuität in den Lebensver- hältnissen und eine sozioökonomische Grundver- sorgung. Die Zuschreibung von Unvermögen je- doch verwandelt den Prozess der sozialen Ausgrenzung aufgrund von Ressourcenmangel in einen Prozess der Desintegration und psychischen Leidens (Hoffmeister 2008, 115). Denn das unter- stellte „Unvermögen“ wird in der Schule, den Ar- beitsagenturen und den Arbeitsplätzen als persönli- ches Defizit wie mangelnde Kompetenz, mangelnde Informiertheit, mangelnde Schlüsselqualifikationen umgemünzt und so von den Betroffenen selbst als „Versagen“ interpretiert. In der Münsteraner Ar- mutsstudie zeigte sich dementsprechend, dass eines der zentralsten Probleme der Arbeit mit von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen Familien da- rin besteht, dass die äußeren Bedingungen des Le- bens in Armut mit individuellen und persönlichen Problemen der Lebensführung und Lebensbewälti- gung verschmelzen. Vor allem in solchen Fällen, die durch Langzeitarbeitslosigkeit und soziale Entwur- zelung durch erzwungenen Umzug in ein armes Quartier oder Obdachlosigkeit gekennzeichnet sind, verstärkt sich das Problem nicht nur deshalb,

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