Handbuch 5. Auflage

1558 Grundmann  nach Verfügbarkeit von Handlungsressour- cen – mitgestaltet werden. Diese Prozesse der Be- ziehungsgestaltung, der sozialen Vernetzung und Kultivierung von Alltagspraxen lassen sich als For- mierungsprozesse des sozialen Zusammenlebens, mithin als Ausdruck einer sozialen Verfassung von Bezugsgruppen, Institutionen und sozialer Systeme deuten, die sich in und durch Sozialisationspraxen konstituieren (2006a). In diesen Praxen werden die konkreten Modalitäten, aber auch sozialen Res- sourcen des Zusammenlebens wie der Grad der Verbundenheit und des sozialen Zusammenhalts ausgehandelt, erprobt, kultiviert, habitualisiert und letztlich durch die Alltagspraxis legitimiert. Inso- fern manifestiert sich in ihnen jene Sozialität, die durch Sozialisationsprozesse angeregt wird und die in Form von „überindividuellen“ Handlungsstruk- turen die Entwicklung der Persönlichkeit in sozia- len Kontexten bestimmt. Aus sozialisationstheo- retischer Perspektive informieren solche Analysen einerseits über den sozialen Bindungsgrad und dessen Bedeutung für die Persönlichkeitsentwick- lung und individuelle Lebensführung. Sie decken andererseits aber auch Legitimations- und Norma- tivitätsbrüche in modernen Gesellschaften auf, die sich z. B. in einer abnehmenden Orientierung an traditionellen Rollenbildern und Normalbiogra- phien zeigen. Insofern trägt die Sozialisationsfor- schung dazu bei, die sozialen Verwerfungen auf- zudecken, die sich durch brüchige Sozialintegration bzw. gesellschaftliche Anomie ergeben. Dabei kann keineswegs unterschlagen werden, dass sich diese Probleme auch durch die Zumutungen ergeben, denen Individuen in individualisierten Gesellschaften ausgesetzt sind, müssen sie sich doch für ihre Lebensführung zunehmend selbst rechtfertigen und diese durch entsprechende Er- folgskriterien legitimieren. Individuelle Lebens- führung und sozialer Aufstieg erfordern in indivi- dualisierten Gesellschaften nicht nur eine entsprechende Befähigung, sich im ökonomischen Feld zu behaupten, sondern auch, sich soziokultu- rell zu verorten. Gerade die Sozialisationsforschung kann dabei aufzeigen, wie die multiplen Optionen der Lebensgestaltung und Lebensführung – wie im sozialökologischen Ansatz postuliert – durch sozi- alstrukturell verankerte Grenzen markiert sind, die nur in seltenen Fällen überschritten werden kön- nen. Beispiel dafür sind neben milieuspezifischen und ethnischen Grenzziehungen soziale Segregati- onsprozesse, in denen sich quartiersspezifische Habitusstrukturen ausbilden, die bei sozialenWan- derungen im öffentlichen Raum relativiert werden (Grundmann et al 2006). Solche Grenzen sind letztlich aber nicht nur räumlich, sondern auch körperlich gegeben, ein Aspekt der Sozialisation, der erst in jüngster Zeit angemessen Berücksichti- gung findet (Bauer / Bittlingmayer 2008). Dabei kommen gerade in der Körpersozialisation alltags- praktische Habitualisierungen von Handlungs- praktiken in den Blick, aus denen sich maßgeblich auch die Haltung (im körperlichen und im menta- len Sinne) von Personen zu ihren Lebensverhält- nissen und den dort angelegten Handlungsmög- lichkeiten herleitet. Das lässt sich anschaulich und abschließend am Beispiel der Sozialisation in Ar- mutsmilieus nachzeichnen. Lebenspraktische Ausführung: Sozialisation in Armutsmilieus Aus sozialisationstheoretischer Perspektive ist Ar- mut keineswegs nur als eine ökonomische Größe zu betrachten. Sie zeigt sich vielmehr in den vielfäl- tigen Einschränkungen, die sich indirekt aus einer finanziellen Notlage ergeben können, wenn diese von Dauer ist. Es sind vor allem Benachteiligungs- und Ausgrenzungsprozesse, wie sie sich z. B. im Bildungssystem ergeben, die zu einer Verstärkung von Armutserfahrungen führen (Edelstein 2006): Neben ökonomischen Deprivationen treten Bil- dungsarmut, Teilhabearmut und Erfahrungen des persönlichen Versagens (also Kompetenzarmut). Diese vielfältigen Facetten von Armut werden in der Armutsforschung u. a. durch die ökonomische, soziale, kulturelle und gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen erfasst. Für die Soziale Arbeit und Sozialpädagogik bedeutet das, die poli- tisch-ökonomischen, lebensführungspraktischen, symbolischen und sozio-moralischen Aspekte von Armut genauer zu betrachten. Gerade für Kinder- armut gilt nämlich, dass sie ihre Wirkung nicht al- lein oder gar primär über das Fehlen ökonomischer Ressourcen, sondern über die eingeschränkten Zu- gänge zu gesellschaftlichen Lebensbereichen und Aktivitäten entfaltet, über eingeschränkte Teilhabe- chancen z. B. an Bildung, Arbeit, Freizeit und Wohnen also, und anhand der Risiken, die sich für die kulturelle Teilhabe, das soziale Miteinander

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