Handbuch 5. Auflage
1571 Sozialpädagogische Forschung Von Peter Sommerfeld Forschung der Sozialen Arbeit Zeitgleich, aber völlig unabhängig voneinander, sind 1998 zwei Bände erschienen, die sich dem Thema Forschung im Fach Soziale Arbeit in syste- matischer Absicht genähert haben (Rauschen- bach /Thole 1998b; Steinert et al. 1998). In diesen beiden Bänden hat eine Entwicklung ihren Aus- druck gefunden, die in der Folge als „Take-Off- Phase“ bezeichnet wurde (Otto et al. 2003, 3). Mit dieser Metapher wird die Entwicklung dergestalt charakterisiert, dass die Forschung der Sozialen Ar- beit aus eher bescheidenen Anfängen in eine neue Dimension vorgedrungen sei. Zunächst einmal ist die Aussage bezüglich des Take- Off und damit auch der Gegenstand der folgenden Ausführungen geografisch bzw. sprachkulturell ein- zugrenzen: In der englischsprachigenWelt blickt die Soziale Arbeit auf eine jahrzehntelange Forschungs- tradition zurück, die sich mindestens seit 40 Jahren in diversen Journals niedergeschlagen hat und dort dokumentiert ist (z. B. British Journal of Social Work seit 1971; Social Work Research, Zeitschrift des amerikanischen Berufsverbands (sic!) seit 1976). Es geht im Folgenden also primär um den deutsch- sprachigen Raum. Auf diesen bezogen kann fest- gehalten werden, dass zwar keine gesicherten Daten über das Gesamtvolumen vorliegen, dass sich aber alle Kommentatoren darin einig sind, dass es einen signifikanten Zuwachs an Forschungsaktivitäten tatsächlich gegeben hat. Dort, wo es empirische Zu- gänge gibt (z. B. Maier 2009b), bestätigen die quan- titativen Indikatoren zumindest auf den ersten Blick diesen Tatbestand. So weisen Rosenbauer / Seel- meyer z. B. auf eine Verdoppelung des Forschungs- volumens im hier interessierenden Zeitraum im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe anhand einer Recherche bei FORIS hin (Rosenbauer / Seelmeyer 2005, 267). Während in den 1980er Jahren empiri- sche Dissertationen eher die Ausnahme bildeten, sind sie heute, wenn nicht die Regel, so doch nichts Ungewöhnliches mehr, und zwar interessanterweise auch, wenn sie eher praxisorientierte Fragestellun- gen verfolgen (Gahleitner et al. 2008). Für die Schweiz kann man einen regelrechten Wachstums- boom belegen: Während es Ende der 1990er Jahre fast keine Forschung in den Fächern Sozialpädago- gik, Sozialarbeit und soziokulturelle Animation gab, führen die fünf deutschsprachigen Hochschulen für Soziale Arbeit (FH) und die beiden universitären Lehrstühle für Sozialpädagogik bzw. Sozialarbeit und Sozialpolitik im Jahr 2008 ca. 150 als For- schung deklarierte Projekte durch. Im Zeitraum zwischen 2003 und 2007 wurden 56 Forschungs- projekte der Sozialen Arbeit von DORE, einer Ab- teilung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert, die ähnlichen Qualitätsanforderungen im Rahmen der Begutachtung genügen mussten, die bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gelten. Zur quantitativen Ausweitung der For- schungsaktivitäten passt die Einigkeit der Kom- mentatoren, dass die Forschung für die weitere Ent- wicklung des Faches von entscheidender Bedeutung ist (z. B. Staub-Bernasconi 2007a). Trotz all dieser unzweifelhaften Fortschritte sind einige relativierende Aussagen zu machen. Weder sind die großen Theorieentwürfe unmittelbar for- schungsbezogen, noch sind die Arbeiten zu Theo- rien mittlerer Reichweite forschungsgesättigt, noch finden die jeweils aktuellen Debatten (wie z. B. zur Ökonomisierung der Sozialen Arbeit) unter ausge- prägter Bezugnahme auf Forschung statt. Ange- sichts der kurzen Tradition der Forschung der So- zialen Arbeit ist das verstehbar und vermutlich nicht weiter dramatisch, aber es ist doch ein starker Hinweis darauf, dass von einer in Forschung ru- henden Wissensbasis der Sozialen Arbeit, die für solche Debatten herangezogen werden könnte, Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art146, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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