Handbuch 5. Auflage
Beratung 161 Logik planvolles und konsequentes Handeln als das bessere Handeln propagiert –, kann Gegen- stand und Ziel von Beratung sein. In internationalen Beratungsdiskussionen wird die Frage aufgeworfen, wie passend westlich-rationalis- tische Beratungskonzepte in anderen Teilen der Welt oder in bestimmten subkulturellen Milieus west- licher Gesellschaften sind: Wie wird z. B. in herr- schenden Beratungskonzepten spirituellen Denk- weisen begegnet? Oder wie verhalten sie sich zu zutiefst religiös eingebundenen Lebenshaltungen? Schließlich ist auch eine wachsende Bescheidenheit in Bezug auf die Machbarkeit von Veränderungen und die Erreichbarkeit von Lösungen als eine kon- zeptionelle Entwicklung in der Beratung feststell- bar. Dass viele Probleme und Lebensschwierigkei- ten von Ratsuchenden letztlich nicht lösbar oder behebbar sind und es in der Beratung oft „nur“ darum geht, ein zufriedenstellenderes Arrangement und kleine pragmatische Verbesserungen zu finden, ist in der Sozialarbeit und Sozialpädagogik gewiss keine neue Erkenntnis. Dies zeigt sich seit den 1990er Jahren daran, dass in einigen Beratungsfel- dern mehr und mehr „akzeptierend“ gearbeitet wird, d. h. dass auch solche Klient(inn)en Unter- stützung erhalten, die von ihrem (gesellschaftlich zugeschriebenen) Problem nicht ablassen können oder wollen (z. B. in der Drogenberatung, in der Sozialberatung für Prostituierte, die ihren Beruf weiter ausüben wollen, in der Beratung mit Mäd- chen mit Essstörungen etc.). Aktuelle Praxisbezüge Die aktuelle Praxis sozialer Beratung ist einerseits wesentlich durch steigenden und sich in der sozial- wissenschaftlichen Wahrnehmung ausdifferenzie- renden Beratungsbedarf bei gleichzeitiger Kürzung öffentlicher Mittel bis hin zu Stelleneinsparungen und Schließung von Beratungseinrichtungen ge- prägt. Andererseits ist eine fortschreitende Norma- lisierung von Beratung festzustellen, d. h., das Nachsuchen und die Inanspruchnahme von Bera- tung haben deutlich an Stigmatisierungscharakter verloren. Beratung wird eher zur alltäglichen Dienstleistung für souveräne Bürger(innen). Dazu trägt u. a. auch die inzwischen vielfach verfügbare Beratung im Internet bei, ob sie nun über E-Mails, im Chat oder als Forum stattfindet. Im Vergleich zu anderen Institutionsformen der Sozialpädagogik und Sozialarbeit zeigt sich Beratung auch in der öffentlichen Wahrnehmung als am stärksten durch Freiwilligkeit und durch Achtung vor der Auto- nomie der Klient(inn)en geprägt. Abgesehen von den wenigen dauerhaft etablierten und auch gesetzlich finanzierten Beratungsinstitu- tionen sehen sich aber zahlreiche Beratungsstellen und -projekte unter dem Druck, ihre Angebote in eine ausgreifende Kosten-Nutzen-Logik einzupas- sen, die häufig mit einer Standardisierung und Reglementierung der Handlungsspielräume von Berater(inne)n verbunden ist. Einerseits geraten hiermit Beratungsangebote unter einen verstärkten Legitimierungsdruck. Andererseits erhöhen sich für Berater(innen) Konflikte zwischen institutio- nellen Anforderungen bzw. Trägerinteressen und Bedürfnissen von Ratsuchenden, die manchmal gerade nicht den „Nutzen-Auffassungen“ entspre- chen oder diesen sogar zuwiderlaufen. Ratsuchende auf der einen und Auftraggeber – also der Staat, das Land, die Kommune – auf der ande- ren Seite werden als Kunden definiert und Bera- tung soll produktförmig Dienstleistungen bereit- stellen sowie kurzfristig und möglichst preiswert oberflächliche Effizienz erreichen. Beratungsarbeit mit präventiven Anteilen oder einer Förderung und Aktivierung von Selbsthilfegruppen ist dabei oft nicht mehr möglich. Der Beratungspraxis gelingt es allerdings in vielen Bereichen, sich gegen eine solche einseitig öko- nomisierende Politik zu behaupten. Dabei spielt das Definieren von Beratungsstandards eine wich- tige Rolle. Beratungsstandards definieren Grundsätze wie Vertraulichkeit, ■ ■ Freiwilligkeit der Inanspruchnahme und Fortführung, ■ ■ Beschwerderechte für die Klient(inn)en, ■ ■ Neutralität, ■ ■ Sorgfaltspflicht, ■ ■ die Pflicht zur Fortbildung und Supervision oder ■ ■ kollegialen Beratung, Pflichten und Grenzen der Dokumentation, ■ ■ gleichberechtigte Multidisziplinarität in Teams, ■ ■ den Umfang notwendigen Fachwissens, ■ ■ Grenzen der Beratung oder ■ ■ Prinzipien wie Orientierung an minimaler Interven- ■ ■ tion statt Überversorgung.
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