Handbuch 5. Auflage

160 Nestmann · Sickendiek  Ein Fokus der sozialkognitiven Perspektive liegt auf der persönlichen Selbstwirksamkeit (Bandura 1997; Gerstenmaier 2007). In der Selbstwirksam- keitswahrnehmung von Individuen kommen Er- fahrungen, deren subjektive Bewertung und daraus gebildete Vorstellungen darüber zusammen, wie wirksam das eigene Handeln eingeschätzt wird: „Kann ich aktiv etwas bewirken in meinem Leben, in einer bestimmten sozialen Situation, einer be- stimmten Aufgabe gegenüber oder bin ich Spielball der Bedingungen oder der Handlungen anderer?“ In der Beratung können Selbstwirksamkeitswahr- nehmungen rückblickend analysiert und ggf. durch alternative Gedanken und Anregungen umstruktu- riert werden, sodass eine Neubewertung eigenen Handelns möglich ist. Ebenso kann selbstwirk- sames Handeln in künftigen Situationen oder bei bestimmten besonders kritischen Anforderungen antizipiert und neu entworfen werden. Besonders ausgearbeitet ist der sozialkognitive Ansatz für die Berufslaufbahnberatung (Gerstenmaier /Günther 2007; Savickas 2005) – unter der Perspektive, dass sich in der Berufsberatung mit Frauen oft zeigt, dass diese sich als wenig „wirksam“ und handlungs- fähig erleben. Die narrative Beratung fragt, wie Menschen ihre Wirklichkeit mit Sprache schaffen, (mit-)gestalten und verändern können (White / Epston 1990; En- gel / Sickendiek 2007). Der Begriff der Narration eröffnet eine textanalytische und interpretative Perspektive auf die Geschichten, die in der Bera- tung erzählt werden: Wie erzählt jemand über die erlebte Wirklichkeit, über bestimmte schwierige Situationen? Welche (kulturell vorgegebenen) Me- taphern setzt jemand ein und wie strukturieren diese die Wahrnehmung, z. B. in Form der „Lauf- bahn-Metapher“ für das berufliche Leben? Wie sind dabei z. B. dramaturgisch Rollen verteilt oder bei welchem Anfangspunkt beginnt jemand etwas zu erzählen? Wie erzählt die ratsuchende Person „sich selbst“? Stets als Opfer von Umständen oder auch als aktiv handelnd? In der Beratung werden auf der Basis gemeinsamer Betrachtungen der Er- zählstruktur alternative Erzählungen über Gesche- henes ausprobiert, die Erlebtes rekonstruktiv an- ders bewerten. Aus den Geschichten werden Lebensthemen ( life themes ) herausgearbeitet, die wie ein literarisches Muster durchscheinen, aber zuvor nicht bewusst waren oder nie deutlich be- nannt wurden (z. B. „Mein Leben ist ein Kampf und den Kampf muss ich alleine führen.“). Die Rückgewinnung „aktiver Autorenschaft“ ( re-au- thoring ) der Erzählungen über das eigene Leben ist v. a. Ziel narrativer Beratung, besonders was zu- künftiges Handeln betrifft. Weitere postmoderne Begriffe in Beratungskonzepten In der internationalen Beratungsliteratur hat sich der Terminus des „Postmodernen“ als Oberbegriff für Konzepte durchgesetzt, die nicht mehr von vorgegebenen Wirklichkeiten, allgemeingültigen Wahrheiten und vermeintlich eindeutigen und linearen Rationalitäten von Entwicklungen und Lebenskontexten ausgehen. Komplexität und Brüchigkeit des Alltags, Ambivalenzen und para- doxe Verhältnisse oder auch Nichtrationales nicht zu negieren, sondern verstärkt in Konzepte und Handlungstheorien von Beratung miteinzubezie- hen, ist das Anliegen postmoderner Ansätze (En- gel 1997, 2008). Individuen sehen sich in ihrem privaten und beruf- lichen Leben häufig der Notwendigkeit von Ent- scheidungen ausgesetzt, deren Folgen sie weder überschauen noch sicher abschätzen können (Haubl /Voß 2009). Ungeachtet dessen fühlen sich Individuen verantwortlich für „richtige“ Entschei- dungen oder sehen sich dafür verantwortlich ge- macht, da sie wissen, die Folgen später mehr oder weniger allein oder als Familie tragen zu müssen. Die „positive Nichtsicherheit“ (Gelatt 1991) ist z. B. ein Konzept, welches darauf fußt, dass in der Bera- tung angesichts einer immer weniger planbaren Zukunft nicht vermeintliche Sicherheiten kon- struiert werden sollten. Beratung muss eher dazu beitragen, Denkweisen und Vorhaben offenzuhal- ten und der Ungewissheit über die Zukunft posi- tive Entwicklungsmöglichkeiten abzugewinnen. Das kann durchaus bedeuten, dass Entscheidungen gerade nicht gefällt und aufgeschoben werden. Ausgehend von beruflicher Beratung wird nun auch dem Zufall im Leben ein eigener Stellenwert eingeräumt: Es ist nicht alles planbar. Möglichst viel bzw. rational zu planen, führt nicht unbedingt zu besserer Zielerreichung und mehr Lebenszufrie- denheit (Mitchell et al. 1999). Für Zufälle offen zu sein, Intuition zu respektieren und von Plänen ab- rücken zu können – auch wenn eine herrschende

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