Handbuch 5. Auflage
1622 Kessl · Reutlinger einer „anti-pädagogischen“ Grundannahme (1980), aus der er auf die Notwendigkeit einer Inblicknahme von „Interessen“ und „Bedürfnissen“ der Bewohner, beispielsweise der Kinder, folgert; Schubert (2005, 98) leitet aus einer funktionstheoretischen Analyse die Notwendigkeit eines sehr spezifischen Modells des „Netzwerkmanagements“ (2008) ab. Ähnlich argumentieren Früchtel, Budde und Cyprian (2007a, 42f.), wenn sie für das „Aufschrauben“ eines „Weitwinkelobjektivs“ zugunsten des „Facetten- blick[s] der sozialen Dienste und Einrichtungen“ plädieren und die sozialarbeiterische Intervention als „Kooperations- und Einmischungsstrategie in an- dere Ressorts“ definieren, da Vernetzung letztlich zur „Verbesserung der Lebensqualität im Stadtteil [dient]“; und Susanne Elsen (2007, 14) diagnosti- ziert Globalisierung schließlich als einen Prozess „neoliberaler Prägung“, dem daher mit einer Stär- kung der lokalen „Gemeinwesen als Ort aktiver Teilhabe und Integration, [sozialökonomischer] Selbstorganisation und nachhaltiger Entwicklung“ zu begegnen sei. Damit bleiben die wissenschaftlich strittigen Vorannahmen der Mehrebenen- und Ganzheitlichkeitsansätze weitgehend de-themati- siert, und zugleich dienen diese aber zur Begründung weitreichender (sozialraumorientierter) Handlungs- strategien und -programme für die Soziale Arbeit. (Sozial-)Raumtheoretische Perspektiven Nach fast zwei Jahrzehnten der sozialraumorien- tierten Neujustierung sozialpädagogischer Hand- lungsfelder ist am Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert zu beobachten, dass dieser Prozess in vielen bundesdeutschen, österreichischen und schweizerischen Kommunen vorläufig abgeschlos- sen ist und sich der Prozess der sozialraumorien- tierten Reform nach einer Implementierungsphase inzwischen in einer Phase der Etablierung befindet (Schöning 2008). Insofern kann davon gesprochen werden, dass die Soziale Arbeit eine sozialräumliche Wende vollzogen hat (Reutlinger 2008). Zugleich hat die Implementierung sozialraumorientierter Programme und der entsprechende raumbezogene Umbau Sozialer Arbeit eine vehemente Auseinan- dersetzung über deren Sinn und Unsinn ausgelöst (Beiträge in Merten 2002; → May, Sozialraumbe- zogene Methoden; Reutlinger et al. 2005; Projekt Netzwerke im Stadtteil 2005). Erste grundlegende empirische Erkenntnisse stellen zentrale Grund- annahmen sozialpädagogischer Sozialraumorien- tierungsprogramme in Frage (Landhäußer 2009; Langhanky et al. 2004), und die Durchsetzung einzelner Instrumente, wie des Sozialraumbudgets, wurden verwaltungsrechtlich ausgesetzt bzw. un- tersagt (die Urteile der Verwaltungsgerichte Ham- burg 2004 und Osnabrück 2009). Vor diesem Hintergrund formiert sich auch auf der Ebene der Fachkräfte und der Erbringungsorganisationen eine deutliche Kritik an der fachlichen Ausrichtung sozialraumorientierter Strategien und deren Omni- präsenz (Grote 2008). Trotz dieser verstärkten forscherischen Beobach- tung und kritischen Reflexion der sozialraumori- entierten Neujustierung Sozialer Arbeit bleibt ein zentraler Bezugspunkt weiterhin unterbelichtet: die Kategorie des „Sozialraums“ (Kessl / Reutlinger 2008). Die erforderliche raumtheoretische Aufklä- rung der sozialpädagogischen Sozialraumorientie- rung steht weitgehend noch aus, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass Raumbegriffe unbestimmt bleiben oder differente Begriffe ohne weitere Ex- plikation parallel Verwendung finden. Die weit- gehend raumtheoretische Blindstelle der sozialpä- dagogischen Sozialraumorientierungsdebatte ist nicht zuletzt deshalb verblüffend, weil ihre Be- arbeitung einige der theorie-konzeptionellen und politisch-strategischen Dilemmata der einflussrei- chen Sozialraumorientierungsprogramme und -projekte analytisch kategorisierbar und damit re- flexiv bearbeitbar machen würde (Kessl / Reutlinger 2010; Reutlinger /Wigger 2010).
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