Handbuch 5. Auflage
Sozialraum 1621 an – und zugleich konnten nach seiner Einschät- zung deren zentrale Prämissen und Prinzipien (130) weitergeführt werden. Andere Vertreter(in- nen) sind zwar weniger optimistisch, was den er- reichten Grad der Etablierung angeht, verweisen aber durchaus auf einzelne regionale und fachliche Etablierungs- und Durchsetzungserfolge (Fehren 2006; Roessler et al. 2000). Einzelne dieser Au- tor(inn)en sehen in der sozialraumorientierten Übersetzung gemeinwesenarbeiterischer Zugänge allerdings auch die Gefahr, dass eine solche Posi- tionierung zunehmend in einer „Art staatstragen- dem Pragmatismus“ ende (Stövesand 2002, o. S.). Sie verweisen daher darauf, dass die Subsumierung früherer Ansätze unter einfachen Parolen, wie „ra- dikaler Parteinahme“ oder „Angst vor Autoritäten“ (Hinte 1991 / 2001, 134 f.), die erreichte Differen- zierung in der Auseinandersetzung nicht wahr- nehme (Peters 1983). Mehrebenen- und Ganzheitlichkeitsmodelle einer sozialraumorientierten Sozialen Arbeit Ganz im Gegensatz zu diesen arbeitsfeldspezifi schen Ansätzen markieren „ganzheitliche“ Hand lungsmodelle einen umfassenden Gestaltungs- anspruch für die Soziale Arbeit. Dieser wird dadurch unterstrichen, dass zugleich mehrere Ebenen bzw. unterschiedliche Handlungsfelder zur Bearbeitung ausgewiesen werden. Ihre universalistische Vorge hensweise erlaubt es den Mehrebenen- und Ganz- heitlichkeitsmodellen letztlich, die Soziale Arbeit als Ganzes neu zu bestimmen bzw. zu verhandeln. Sozialraumorientierung bedeutet deshalb für Her- bert Schubert ein „neues Organisationsprinzip der sozialen Dienstleistungsproduktion“ (Schubert 2005, 91) oder für Hinte einen „Arbeitsansatz“ (Hinte 1991 / 2001, 74) bzw. ein „Fachkonzept“ (Hinte 2006) zur Neusteuerung der Sozialen Ar- beit: Sozialraumorientierung meine dann ein Quar- tiersmanagement und als solches eine „komplexe Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen in benachteiligten Wohnquartieren“ (Litges et al. 2005, 562). Analog konzipieren Frank Früchtel, Wolfgang Budde und Gudrun Cyprian Fachkräfte als „change agents“ (Früchtel et al. 2007, 13), die „im Stadtteil, in Organisationen, in Verwaltung, in der Fachbasis, in Kommunalpolitik, in Wirtschaft, in den Medien und intermediär zwischen diesen Ebenen“ agieren (Früchtel et al. 2007, 203). Konzeptionell basieren die Mehrebenen- und Ganzheitlichkeitsansätze auf einer Addition bzw. Verkopplung unterschiedlicher handlungsprakti- scher, -methodischer und theorie-systematischer Annahmen. Diese werden in Form einer „Matrix“ bzw. eines Vierfelderschemas in Relation zueinan- der gesetzt (Früchtel et al. 2007, 27 ff.), in einem „Zwiebelmodell“ aufgeschichtet (Riege / Schubert 2005, 255) oder als unterschiedliche „Aktionsebe- nen“ (Grimm et al. 2004) nebeneinander angeord- net. In dieser Aufsummierung bzw. Relationierung gerade auch konträrer Ebenen liegt die Hoffnung der Vertreter(innen) dieser Ansätze, der Komplexi- tät sozialräumlicher Zusammenhänge gerecht zu werden: „Strukturelle Raumebene“ und „personale Handlungsebene“ bei Riege / Schubert oder die Handlungsfelder „Sozialstruktur“, „Organisation“, „Netzwerk“ und „Individuum“ bei Früchtel et al. ( → May, Sozialraumbezogene Methoden) sollen miteinander vermittelt werden. Dadurch könne verhindert werden, dass Sozialräume „nur auf In- dikatoren“ reduziert und stattdessen „in Schichten analysiert“ werden (Riege / Schubert 2005, 259). Das Ziel einer solchen Sozialraumanalyse ist es, fachlich handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig gestaltend in die zukünftigen sozialen Entwick- lungen einzuwirken. Sozialraumorientierung könne nur zu einem stabilen Ergebnis führen, „wenn die verschiedenen Felder des sozialen Rau- mes […] beackert und bestellt werden“ (Budde / Früchtel 2006, 27). Mit „eine[r] unter Nutzung und Weiterentwicklung verschiedener theoretischer und methodischer Blickrichtungen entwickelten Perspektive“ soll es also gelingen, den „konzeptionellen Hintergrund (Fachkonzept) für das Handeln in zahlreichen Feldern sozialer Ar- beit“ zu entwickeln (Hinte 2006, 9). Dieser universalistische Anspruch der Ganzheitlich- keits- und Mehrebenen-Ansätze wird immer wieder als sozialraumorientierte Allzuständigkeitsfantasie kritisiert (Schippmann 2002). Außerdem verbindet er sich mit partikularistischen Gestaltungszielen und in einzelnen Fällen auch mit einer sehr spezifischen Weltdeutung: Ganz im Gegensatz zur Multimetho- dizität und konzeptionellen Komplexität, den die Mehrebenen- und Ganzheitlichkeitsperspektive für sich in Anspruch nehmen, ankert nämlich Hintes Programm der „Stadtteilorientierung“ (2006, 10) in
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=