Handbuch 5. Auflage

1626  Sozialraumbezogene Methoden Von Michael May In den früheren Ausgaben des „Handbuch Sozial- arbeit / Sozialpädagogik“ findet sich noch kein Beitrag zu „sozialraumbezogenen Methoden“, sehr wohl aber gibt es Beiträge zur „Gemeinwe- senarbeit“ (= GWA). Obwohl unbestritten auch jenseits des GWA-Kontextes spezifisch sozial- raumbezogene Methoden entwickelt wurden – wie z. B. von Ulrich Deinet (1997; 1999) im Kontext Offener Kinder- und Jugendarbeit –, gibt es in der gegenwärtigen Fachdebatte (Bitzan et al. 2005, 529 ff.) keine Einigkeit darüber, ob mit beiden Begriffen unterschiedliches zu fassen sei. Entsprechend liegen inzwischen auch verschie- dene Systematisierungen vor, die – wie Früchtel et al. (2007a, 24) feststellen – „im Vergleich ziemlich uneinheitlich daherkommen.“ Dies mag wohl vor allem daran liegen, dass Fragen zum Gemeinwe- sen- und Sozialraum-Begriff ( →  Kessl / Reutlinger, Sozialraum), ebenso wie Fragen zur „Arbeit in ei- nem Gemeinwesen“ und zu sozialraumbezogenen Methoden „je nach historischer Phase und gesell- schaftspolitischem Standort unterschiedlich be- antwortet worden sind“ (Brückner 1984, 415 ff.). Von daher sollen im folgenden Beitrag, im Rah- men einer historischen Betrachtungsweise, die unterschiedlichen gemeinwesen- und sozialraum- bezogenen Ansätze Sozialer Arbeit vor ihrem je- weiligen gesellschaftspolitischen Hintergrund zu rekonstruieren versucht werden. Die Wurzeln eines Sozialraumbezugs Sozialer Arbeit Aus der Perspektive Michael Winklers (1988) sind sozialräumliche Bezüge in einer ganz grundlegen- den Art und Weise konstitutiv für jegliche Soziale Arbeit. In seiner „Theorie der Sozialpädagogik“ hat er die These vertreten, dass „sozialpädagogi- sches Denken in pragmatischer Absicht“ (278) ge- nerell mit der Überlegung beginne, „wie ein Ort beschaffen sein muß, damit ein Subjekt an ihm leben und sich entwickeln kann, damit er auch als Lebensbedingung vom Subjekt kontrolliert wird“ (278 f.). Historisch gesehen ist es für Winkler Jo- hann Heinrich Pestalozzi gewesen, der im sog. Waisenhausstreit „die empirisch gegebene Tatsache der Ausgrenzung als ein Handlungsproblem“ (257) zu begreifen begann, „welches in der Beziehung zwischen dem jeweiligen Subjekt und seinen Le- bensbedingungen“ (257) bestehe. Zu einem Grundbegriff sozialpädagogischen Handelns sei „der Begriff des Ortes (bzw. das mit ihm vor aller terminologischen Festlegung sachlich Gemeinte)“ (259) jedoch erst in dem Moment geworden, als er sich auch in einem entsprechenden „Ortshandeln“ pädagogisch-praktisch umzusetzen begonnen hat, „indem ein – wie auch immer gearteter – Lebens- ort dem Subjekt zur Verfügung gestellt“ (260) wurde. Darüber hinaus hat Wolf Rainer Wendt (1989) hervorgehoben, dass „vor der späteren Ausrichtung auf einzelne Fälle von Hilfsbedürftigkeit die mo- derne soziale Arbeit mit einem praktischen Inte- resse am Gemeinwesen begonnen“ (2) habe. Bei- spielhaft verweist er zum einen auf die diakonische Arbeit von Johann Heinrich Wichern, die insofern besonders bedeutsam ist, als sich mit ihr nicht nur der Übergang von der traditionellen Bettel-Anar- chie zur organisierten modernen Armenfürsorge vollzog. Zugleich vollzog sich hierbei auch „die Ge- burt des ersten modernen Sozialarbeiters“ – aller- dings, wie Hartmut Diessenbacher (1984, 274) polemisch vermerkt, „aus dem Geist der Heuche- lei“ (Kunstreich 1997, 51). Demgegenüber stärker patriotisch ausgerichtet waren jene gemeinnützigen Gesellschaften von Bürgern im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, welche sich um eine Verbesse- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art150, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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