Handbuch 5. Auflage
Sozialraumbezogene Methoden 1627 rung der moralischen, kulturellen und hygieni- schen Zustände vor Ort bemühten (Wendt 1989, 22 f.). Von diesem „praktischen Interesse am Gemeinwe- sen“ erhielten sich nach dem politischen Scheitern der sozialen Reformbestrebungen der sog. 1848er- Revolution in Deutschland jedoch allein die indi- vidualisierende caritative Hilfeleistung und der lo- kale Bezug in Form der Quartierseinteilung der Armenaufsicht, welcher sich nach dem „Elberfelder Modell“ mehr und mehr verbreitete. Eine dem- gegenüber stärkere Gemeinwesenorientierung wie- sen lediglich jene „Settlements“ von humanistisch gesonnenen Intellektuellen auf, welche in der Tra- dition der von S. Barnett 1883 im verelendeten Londoner Eastend gegründeten Toynbee Hall die Idee zu verwirklichen versuchten, mit den Armen zu leben, sie zu lehren, aber auch von ihnen zu lernen. Trotz dieser ihrer geteilten Grundidee wie- sen die im Anschluss auch in anderen Ländern Ver- breitung findenden Häuser beträchtliche Unter- schiede in ihren politischen Ausrichtungen und den von ihnen praktizierten sozialen Verkehrsfor- men auf (Müller 1988 Bd. 1, 81 ff.; Kunstreich 1997 Bd.1, 88 ff.). Im Hinblick auf eine Professionalisierung sozial- raumbezogener Methoden waren die Settlements nicht nur in dem Sinne bedeutsam, dass in der Re- flexion der dort geleisteten Arbeit wohl zum ersten Mal der Begriff von „social work“ auftauchte, son- dern auch wie umfassend dieser zu füllen versucht wurde. So bemühte sich z. B. Jane Addams, die 1989 in Chicago nach Vorbild der Toynbee Hall das Settlement „Hull House“ gegründet hatte, dort auch um eine methodische Erfassung der Notlagen im Stadtteil sowie eine Koordination vorhandener oder zu organisierender Hilfsquellen. Dieser An- satz fand in der Tätigkeit sog. „Social Welfare Councils“ weitere Verbreitung (Mohrlok et al. 1993). Zur Kennzeichnung des Arbeitsbereichs der „Social Welfare Councils“ wurde dann der Begriff „com- munity organization (CO)“ geprägt. Der Begriff hatte allerdings eine weitere Bedeutung, wurde er doch zugleich auch dazu herangezogen, um den innerhalb der community stattfindenden Prozess zu bezeichnen, durch den Integration und Zusam- menwirken zustande kommt. Als Prozesskategorie wandelte sich CO innerhalb des Diskurses von GWA allerdings mehr und mehr weg von der De- mokratisierungsintention hin zu einer funktiona- listischen Perspektive, die sich ganz auf Effektivität und Effizienz konzentrierte. Die mit der Weltwirt- schaftskrise in den USA nach dem 1. Weltkrieg einhergehende soziale Misere ließ in zunehmen- dem Maße sozialwissenschaftlich angeleitete Be- wältigungsbemühungen erforderlich werden. Im Zuge dessen gelang es der professionellen Sozial- arbeit in den USA, den Arbeitsbereich CO mit me- thodischem Anspruch berufspolitisch-gesellschaft- lich gesehen aber unpolitisch – zu besetzen. Der Begriff CO erlangte damit eine dritte Bedeutung als sozialarbeiterische Methode neben „social case- work“ und „social groupwork“ (May 2001b). In Deutschland führten Massenarbeitslosigkeit und massive soziale Probleme, die weder von staat- lichen noch von privaten Wohlfahrtsmaßnahmen aufgefangen werden konnten, etwa zur gleichen Zeit zu einer ganz anderen Form politischer Ge- meinwesenarbeit in Form der kommunistischen Straßenzellen (Brückner 1984, 416 f.; May 2001b). Ebenfalls politisch ausgerichtet, jedoch mit gera- dezu konträren Zielen, war dann das nationalsozia- listische System von „Block und Zelle“. In diesem fungierten lokale Führer freiwillig und ehrenamt- lich als Mittler zwischen den „Volksgenossen ver- schiedener Schichtung“. Darüber hinaus hatten sie in Personalunion von Blockwalter und Blockwart der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ in ih- rem Gebiet für sämtliche Aufgaben der Freizeit- gestaltung Sorge zu tragen. Ergänzt wurde dies auf professioneller Seite durch eine sich „den unver- schuldet verarmten Volksgenossen“ zuwendende „Volkspflege“, mit der sich – wie Carola Kuhlmann (2002) darlegt – trotz rassistisch biologistischem Hintergrund durchaus „‚moderne‘ Formen der Fürsorge durchsetzten: effizient, funktional und ohne die herablassende Geste bürgerlicher ‚Wohl- tätigkeit‘“ (79). Die Nachkriegsentwicklung Obwohl nach dem zweiten Weltkrieg amerika- nische und englische Wohlfahrtsorganisationen die Ideen der Settlementbewegung als Teil des „ree- ducation-programs“ in ihren deutschen Besat- zungszonen wieder aufgriffen, fand eine breitere fachliche Rezeption der Gemeinwesenarbeit in Deutschland erst ab den 1960er Jahren statt und
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