Handbuch 5. Auflage

Sozialraumbezogene Methoden 1633 dass Initiativen, die sich um solche Gelder bewer- ben, selber einen Modus der Verteilung finden. Sie können damit in der Diskussion mit Konkurrenten sich nicht allein mehr darauf beschränken, ihr In- teresse „gruppenegoistisch“ zu vertreten. Vielmehr müssen sie sich auf ein „Gemeinwohl“ beziehen, das durch diesen Prozess als Gemeinwesen politisch an Konturen gewinnt. Aus dieser Perspektive (zuletzt May 2008b, 77 f.) genügt es auch nicht, am „organizing“-Konzept Saul Alinskys anzuknüpfen. Dies erlaubt zwar un- ter geschicktem Anknüpfen an die bei Marginali- sierten sehr stark ausgeprägten Widerstandsformen des Spottes Gegenmacht aufzubauen. Und ebenso ist es unzweifelhaft notwendig, eine an konkreten Erfahrungszusammenhängen der Betroffenen an- knüpfende, aber auf kollektiven, gesellschaftlichen Ausdruck ihrer individuellen Interessen und Be- dürfnisse gerichtete Form von Öffentlichkeit herzu- stellen (mit besonderem Blick auf die Geschlech- terdifferenz Bitzan /Klöck 1993), damit die mit CO verbundenen Begriffe von Integration und Zu- sammenwirken nicht zu bloß zu harmonistischen Ideologemen verkommen, wie dies bei Ross und tendenziell auch in Hintes SSA und seinem „Fach- konzept ‚Sozialraumorientierung‘“ der Fall ist. Nun tendieren aber solche individuellen Interessen und Bedürfnisse nur allzu leicht zu „sich überstür- zenden Geltungsansprüchen“ (Negt /Kluge 1992, 32) in Form einer Direktübertragung des jeweils eigenen Privat- bzw. Gruppenegoismus in ein ge- samtgesellschaftliches Verhältnis mit der Folge, alle anderen Privategoismen auszugrenzen und sich da- durch gegenseitig zu zerstören. GWA muss deshalb über die Einrichtung kommunaler Ressourcen- fonds hinaus darauf bedacht sein, durch Schaffung entsprechender – wie es früher hieß – „interkate- gorialer“ Gelegenheiten und Kommunikationsorte bzw. durch „Intergruppenarbeit“ (Boulet et al. 1980, 300) an einer Aufhebung der privaten Orga- nisationsstruktur solcher (Gruppen-)Egoismen zu arbeiten (May 2008b, Kap. 5). Es kann sich dabei aber nur dann das geschicht- liche Vermögen des ganzen Lebewesens als „inneres Gemeinwesen“ (dazu May 2008a, Kap. 4) verwirk- lichen, wenn auch in den Institutionen des „äuße- ren Gemeinwesens“ sich das Interesse des Ganzen ausbildet, was Helmut Richter zu einem zentralen Gegenstand seiner konzeptionellen Ansätze von „Sozialpädagogik“ als einer „Pädagogik des Sozia- len“ (1998) und einer „Kommunalpädagogik“ (2001) gemacht hat (zur Kritik May 2008a, Kap. 3). So stellt eine solche Überlagerung doch die Voraussetzung für eine Verbindung zwischen ge- schichtlicher Emanzipation und einer Emanzipa- tion in den Lebensläufen dar (May 2005a, 212 ff.). Wenn im konsequenten Betreiben einer solch dop- pelten „Überlagerung“ die kontinuierliche Anpas- sung der Ressourcen an die Bedürfnisse, wie sie bisher für funktionale Dimension der GWA cha- rakteristisch war, „dialektisch aufzuheben versucht wird, dann heißt dies zugleich, diese Arbeitsform vom Kopf (= Funktionsimperative der gesellschaftli- chen Institutionen, welche den Abstraktionen des Kapitalverhältnis folgen) auf die Füße (= Konkret- heit der Verwirklichung menschlicher Vermögen und Eigenschaften) zu stellen“ (Projektgruppe GWA 1997, 40). Literatur Alinsky, S.D. (1974): Die Stunde der Radikalen. Strategien und Methoden der Gemeinwesenarbeit 2. Burckhardt- haus, Gelnhausen, Berlin – (1973): Leidenschaft für den Nächsten. Strategien und Me- thoden der Gemeinwesenarbeit I. Burckhardthaus, Geln- hausen, Berlin Alisch, M., May, M. (Hrsg.) (2008): Kompetenzen im Sozial- raum. Sozialraumentwicklung als transdisziplinäres Pro- jekt. Bd. 1. Reihe Beiträge zur Sozialraumforschung. Bar- bara Budrich, Opladen/Farmington Hills Bahr, H.-E., Gronemeyer, R. (Hrsg.) (1974): Konfliktorien- tierte Gemeinwesenarbeit. Luchterhand, Darmstadt/Neu- wied Bitzan, M., Hinte, W., Klöck, T., May, M., Stövesand, S. (2005): Diskussionsbeitrag Gemeinwesenarbeit. In: Kessl, F., Reutlinger, Ch., Maurer, S., Frey, O. (Hrsg.), 529–558 –, Klöck, T. (Hrsg.) (1994): Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 5. Politikstrategien – Wendungen und Perspektiven. AG SPAK, München –, – (Hrsg.) (1993): „Wer streitet denn mit Aschenputtel?“ Konfliktorientierung und Geschlechterdifferenz in der Ge- meinwesenarbeit – eine Chance zur Politisierung sozialer Arbeit? AG SPAK, München Boer, J., Utermann, K.(1970): Gemeinwesenarbeit. Commu- nity Organization – Opbouwerk. Enke, Stuttgart Boulet, J.J., Krauss, E.J., Oelschlägel, D. (1980): Gemeinwe- senarbeit als Arbeitsprinzip. Eine Grundlegung. AJZ- Druck+Verlag, Bielefeld

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