Handbuch 5. Auflage

164  Beratungsforschung Von Bernd Dewe Ausgangslage Es bedarf nicht des Nachweises, dass grundsätzlich Beratung (als Institutionalisierungsform) und Be- raten (als Handlungsmethode) für die Sozial- arbeit / Sozialpädagogik eine nicht zu unterschät- zende Bedeutung haben. Ein Blick in die einschlägige Literatur zeigt allerdings, dass wissen- schaftliche Verlautbarungen darüber, wie Beratung sich in der Praxis sozialarbeiterischen Handelns zu vollziehen habe, um „erfolgreich“ zu sein, in einem quantitativen wie qualitativen Missverhältnis zu solchen wissenschaftlichen Abhandlungen stehen, die sich empirisch Gewissheit darüber verschaffen wollen, was eigentlich faktisch geschieht, wenn Sozialarbeiter beraten bzw. Beratungsdienstleis- tungen ihren Adressaten anbieten oder diese solche nachfragen. Theoretische Rekonstruktionen und empirische Studien, die im weitesten Sinne die zu- letzt genannte Perspektive verfolgen, lassen sich als Beiträge zur Beratungsforschung lesen. Beratungsforschung befindet sich trotz ihrer zwei bis drei Dekaden umfassenden Entwicklungs- geschichte noch in der Konstitutionsphase. Dem in den letzten Jahrzehnten stark ausgeweiteten insti- tutionalisierten Beratungsmarkt mit seiner kaum überschaubaren Fülle an Beratungsangeboten, sei- ner Vielzahl der von Berufs wegen beratendTätigen und der nach wie vor steigenden Nachfrage nach Beratungsdienstleistungen steht zurzeit noch kein ebenso breites Kompendium an empirisch gewon- nen Erkenntnissen über erwähnte soziale Phäno- mene gegenüber. „Aus […] wissenschaftlicher Perspektive […] fällt auf, wie überraschend gering dem Ausbau (des Beratungs- sektors – d.V.) ein entsprechendes Wissen über die Ak- zeptanz und Wirkung der angebotenen Beratungsformen gefolgt ist“ (Straus / Stiemert 1991, 323). Gleichwohl hat sich der Stand der Beratungsfor- schung mittlerweile zum Positiven gewendet. Konnten die eben erwähnten Autoren noch 1991 mit gewissen Recht konstatieren, dass „ein Blick auf die Studien im Bereich der Familien- und Er- ziehungsberatung deutlich macht, dass man erst […] in Ansätzen von einer dezidiert beratungsori- entierten Forschung sprechen kann“ (323), so hat sich in jüngster Zeit die Lage der Beratungsfor- schung quantitativ und qualitativ geändert. Wie noch zu zeigen ist, vollzog sich hinsichtlich der Thematik wie hinsichtlich der Methodenvielfalt eine große Wendung in der Beratungsforschung. Ein wichtiges Indiz für diese Entwicklung ist, dass erste Handbücher (Karczymarzyk 2005), umfang- reiche Sammelrezensionen (Mohe 2005) und The- menhefte in einschlägigen Fachzeitschriften (Rie- mann et al. 2000) vorliegen. Neben diesen formalen Aspekten ist zweifellos bedeutsamer, dass Bera- tungsforschung inhaltlich und sachlich für Hand- lungsfelder und Berufe mit bedeutsamen Anteilen beratenden Handelns unverzichtbar ist, und zwar aus folgenden Gründen: Beratungsforschung fun- giert als Korrektur normativ aufgeladener „Praxistheo- ■ ■ rien“, die die zentrale Bedeutsamkeit beratenden Handelns für SozialarbeiterInnen / Sozialpädago- gInnen eher unterstellen als handlungslogisch sachhaltig belegen, als systematische Problematisierung sozialtech- ■ ■ nisch inspirierter Handlungs-und Regelempfehlun- gen (inklusive sogenannter Gesprächsführungs- techniken) für zu gelingende Beratung, als Kritik unreflektierter Überdeterminiertheit von ■ ■ Beratungskonzepten hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Zielgenauigkeit (in der Regel ausschließlich beobachtet aus Sicht des Beraters). Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art013, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=