Handbuch 5. Auflage

Beratungsforschung 165 Kurzum: Beratungsforschung ist unverzichtbar, weil sie Beratung nicht als dekontextualisierte Me- thode akzeptiert, sondern sie auf ein komplexes, bisweilen paradoxes Kommunikationsphänomen zurückführt, das eine vorab definierte bzw. unter- stellte Aufgabenlogik seitens des Beraters nicht ak- zeptiert. Die „Divergenz idealtypischer und realty- pischer Beratungsprozesse“ (Kraus /Mohe 2007) bedarf der Erforschung. Darüber hinaus scheint Beratungsforschung geeig- net, mit den im Feld der Praxis gehandelten Bera- tungsmythen aufzuräumen, etwa mit dem, dass Be- ratung stets der Optimierung des Handelns des zu Beratenden diene, oder dem Mythos, dass Beratung der zeitlichen Vorbereitung einer Handlungsent- scheidung auf rationale Weise dienlich sei. Aber auch der Mythos von der Dominanz des Experten in Beratungssituationen wird empirisch hinterfragt. Der methodologische Standort der Beratungsforschung Der methodologische Standort der Beratungsfor- schung, die für wissenschaftliche Disziplinen wie Sozialpädagogik, Soziologie, Kommunikationswis- senschaften / Linguistik, aber auch für Wirtschafts- wissenschaften und Psychologie relevant ist, ist ein doppelter: Beratungsforschung ist als Form quanti- tativer Sozialforschung empirisch-analytisch in der Variante experimenteller Forschung und / oder sta- tistisch orientierter Quasi-Sozialberichterstattung vorzufinden als auch in empirisch-qualitativer Aus- prägung im Sinne einer spezifischen Form rekon- struktiver Sozialforschung anzutreffen. Die „Ein- übung des Tatsachenblicks“ steht gewissermaßen neben der „Kunst zur Perspektivität“ (Straus / Stie- mert 1991). Während die zuerst erwähnte quantifizierend vorgehende, empirische Beratungsforschung – zu- meist mittels standardisierten Fragebögen, geschlos- sener Interviews und formaler Dokumentenana- lyse–„Marktdaten“inFormderZunahme /Abnahme bestimmter beratungsrelevanter Themen, Bera- tungsaktivitäten in bestimmten gesellschaftlichen Sektoren oder aber „Klientenströme“ etc. in den Blick nimmt, ist qualitativ orientierte Beratungsfor- schung eher an der Mikrologie von Berater-Klien- ten-Beziehungen, an Gesprächsanalysen als Rekon- struktionder interaktivenKonstitutionvonBeratung und ihrer Institutionalisierung als besonderemKom- munikationsformat im Kontext eines Aushand- lungsprozesses zwischen den Beteiligten interessiert. Gegenüber statistisch fundierten Ergebnisstudien der quantitativen Beratungsforschung fokussiert qualitative Beratungsforschung also stärker auf Prozessstrukturen, Handlungslogiken, Interventi- onsparadoxien etc., wobei explorative Studien, hermeneutisch grundierte Textanalysen von Be- obachtungs- oder Gesprächsprotokollen und Bio- grafieforschung zu Beratern und Klienten domi- nieren.Doch stets geht es inder Beratungsforschung um Fragen der Perspektivendifferenz, der Situati- onsdefinition und der Wissenserzeugung, -vermitt- lung und -aneignung sowie letztlich umMachtphä- nomene, worauf noch einzugehen ist. Für beide Forschungsrichtungen gilt zudem, dass Forschung „[…] die nicht […] irritiert, die nicht eingespielte Routinen befragt und dabei unangenehme Fragen aufwirft, keinen Sinn macht“ (Schrödter 2004, 818). Sachlich und themenfeldspezifisch betrachtet, leis- tet die Beratungsforschung auch wichtige Beiträge zu bereits etablierten Forschungsprogrammen. So bereichert die Beratungsforschung die Professions- forschung (v. Alemann 2002) und die Studien zur Professionalität (Dewe / Feistel 2010), da nahezu alle Professionen beratende Kommunikation be- treiben. Des Weiteren leistet sie einen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Handlungs- und Interventionsforschung (Neuweg 1999), da Beratung weithin als Grundform (Gies- ecke 1996) pädagogischen Handelns verstanden wird, die jedoch vom Adressaten initiiert wird, und deren Aufgabenstruktur – wie bereits angedeu- tet – seitens des Pädagogen / Beraters nicht antizi- piert werden kann. Neben ihren für Kommunikationsforschung (Stich- wort: Beratung als kommunikative Gattung /Luck- mann 1986), Psychologie und Psychotherapie (Stichwort: Grenzen und Gemeinsamkeiten von Beratung und Therapie, Dewe/Scherr 1990) rele- vanten Erkenntnissen wird Beratungsforschung in letzter Zeit auch bedeutsam für die sozialwissen- schaftliche Inklusionsforschung (Uecker/Krebs 2004). Mit dem Anstieg gesellschaftlicher Exklusi- onsgefahren für immer größer werdende soziale Gruppen, und damit verbundener sozialpolitischer Legitimationsstrategien, die soziale Re-Inklusions- möglichkeiten beinhalten, geraten gesellschaftliche

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=