Handbuch 5. Auflage

1644  Sozialstatistiken Von Matthias Schilling Sozialstatistiken sind ein umfangreiches und viel- fältiges empirisches Instrument zur Darstellung und Analyse der sozialen Situation und Wand- lungsprozesse einer Gesellschaft. Neben diesem all- gemeineren Verständnis, das insbesondere in der Soziologie anzutreffen ist, werden im Rahmen der Sozialpolitik, aber auch der Sozialen Arbeit, unter Sozialstatistiken darüber hinaus oftmals solche Statistiken verstanden, die die staatlichen Sozial- leistungen regelmäßig erfassen und dokumentie- ren. Somit umfasst der Gegenstandsbereich der Sozialstatistiken zwei große Teilgebiete: erstens die quantitativ-empirische Grundlage für die Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und zweitens die statistische Erfassung der sozialstaatlichen Leis- tungen. Bezogen auf die Art der Sozialstatistiken ist zwischen amtlichen und nicht amtlichen Statisti- ken zu unterscheiden. Aus Sicht der Sozialen Arbeit, bezogen auf das Teil- gebiet der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, ist besonders die Erfassung und Darstellung von gesellschaftlichen Gruppen interessant, welche auf- grund ihrer Lebenssituation in ihren Möglichkei- ten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einge- schränkt sind. Im Unterschied zu soziologischen bzw. sozialpolitischen Fragestellungen, die sich wesentlich für die gestalteten bzw. zu gestaltenden Spielräume von Subjekten bzw. Subjektgruppen interessieren, richtet sich der Fokus der Sozialen Arbeit mit einer stärker handlungstheoretischen Perspektive demgegenüber auf mehrdimensionale Benachteiligungs- und Ausschließungsformen in der Gesellschaft. Unter diesem Gesichtspunkt sind für die Soziale Arbeit Sozialstatistiken von beson- derem Interesse, die z. B. Armutsentwicklungen aufzeigen (z. B. Schmid-Urban 2000). Im Teilgebiet der Sozialstatistiken, die die sozial- staatlichen Leistungen darstellen, sind aus Sicht der Sozialen Arbeit diejenigen Leistungsstatistiken von besonderem Interesse, die sich auf Bedürftige, also auf ihr Klientel, richten. Somit sind die Sozialsta- tistiken zu Rentenversicherungsleistungen, zum Gesundheitswesen, zur Pflegeversicherung etc. von geringerem Interesse. Innerhalb dieser Leistungs- statistiken ist dann wiederum zwischen Statistiken zu monetären Leistungen und personenbezogenen Dienstleistungen zu unterscheiden. Innerhalb dieser Systematik der Bedeutung der Sozialstatistiken für die Soziale Arbeit wird im Fol- genden auf die Vor- und Nachteile von amtlichen und nicht-amtlichen Statistiken eingegangen. Der zweite Abschnitt konzentriert sich auf den Umfang der amtlichen Sozialstatistiken. Im dritten Ab- schnitt werden die unterschiedlichen Funktionen und Verwendungskontexte der Sozialstatistiken dargestellt und abschließend auf die wachsende Bedeutung der Sozialstatistiken für die Soziale Ar- beit in Praxis und Forschung hingewiesen. Die Merkmale amtlicher und nicht amtlicher Sozialstatistiken Unter Statistik versteht man allgemein die regel- mäßige, systematisierte und organisierte Beobach- tung. Somit ist Statistik ein Beobachtungsinstru- ment – ein Instrument, mit dem man, sofern es gut konstruiert wurde, regelmäßige und geregelte Be- obachtungen durchführen kann. Ziel dieser Be- obachtung ist es, neue Erkenntnisse zu gewinnen oder aber vorhandene bzw. vermutete Erkenntnisse zu stabilisieren, zu ergänzen oder zu korrigieren. Für viele Aspekte der bundesrepublikanischen Ge- sellschaft werden umfangreiche Daten erhoben. Hierbei ist wiederum zu unterscheiden, ob es sich um eine amtliche oder eine nicht amtliche Statistik handelt. Dabei ist die amtliche Statistik gegenüber der nicht amtlichen Statistik dadurch gekennzeich- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art152, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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