Handbuch 5. Auflage

1654  Sozialwirtschaft Von Klaus Grunwald Hintergründe, Entwicklung und zentrale Begrifflichkeiten des Sozialwirtschaftsdiskurses Ökonomische Fragestellungen, Konzepte und Be- grifflichkeiten werden immer bedeutsamer – auch im deutschen Sozial- und Gesundheitswesen, und zwar spätestens seit Mitte der 1990er Jahre zu- nächst in der Praxis, dann im theoretischen Dis- kurs. Sie wurden und werden diskutiert sowohl unter dem Begriff des Sozialmanagements als auch unter dem Begriff der Sozialwirtschaft oder der Sozialökonomie, ohne dass die Trennlinien zwi- schen den Begriffen und den dahinterstehenden Konzepten immer einheitlich gezogen würden (Grunwald 2009a). Der „hybride“ Begriff oder „Doppelbegriff“ der „Sozial-Wirtschaft“ verweist dabei grundsätzlich „auf Spannungen und Vermittlungen zwischen wirt- schaftlicher Rationalität und sozialer Qualität und ver- knüpft die betriebliche Organisation von primär öko- nomischen Interessen mit den eher ideellen Interessen der Assoziationen solidarischen Engagements“ (Pankoke 2008, 432). Während der Begriff der „Wirtschaft“ die „Ratio- nalisierung der Produktion von Gütern, Leistungen und Diensten“ beinhaltet, bezieht sich das „Soziale“ auf „Handlungs- und Deutungsmuster sozialer Lebenszusammenhänge“ (Pankoke 2008, 432). Einem breiteren Publikum bekannt wurde die Be- zeichnung „Sozialwirtschaft“ in Deutschland spätes- tens mit der 1970 erfolgten Umbenennung der früheren „Hilfskasse Bankgesellschaft mbH“ in die „Bank für Sozialwirtschaft GmbH“. Damit stufte die Bank die Finanzierungsnotwendigkeiten von – damals noch überwiegend wohlfahrtsver- bandlichen – sozialen Diensten und Einrichtungen als Erfolg versprechendes Geschäftsfeld ein und honorierte den volkswirtschaftlichen Stellenwert der freien Wohlfahrtspflege – bezüglich Beschäfti- gung, Vermögen, Ressourcen und zur Verfügung gestellten qualifizierten Leistungen – im gesamten Bereich der Sozialen Arbeit entsprechend (Zimmer et al. 2009). Unabhängig davon fand der Terminus „Sozialwirtschaft“ als Übersetzung des französi- schen Begriffs „Économie sociale“ ab den 1980er Jahren Eingang in die Terminologie der europäi- schen Behörden, wobei vier „Familien“ im Sinne von Organisationstypen unterschieden werden. Differenziert wird zwischen „Organisationen, die kooperative Aktivitäten (in Genos- senschaften), assoziative Aktivitäten (von Vereinen), mu- tualistische Aktivitäten (von Vereinigungen auf Gegen- seitigkeit) und Aktivitäten von Stiftungen und von Sozialunternehmen umfassen“ (Wendt 2008a, 954). Alle diese durchaus unterschiedlichen Organisati- onstypen zusammen werden als CMAF (Coopera- tives, Mutuals, Associations, Foundations) bezeich- net. Die aktuelle „Konjunktur“ der Debatte über die Thematik der Sozialwirtschaft ist auf verschiedene Gesichtspunkte zurückzuführen (Merchel 2008, 850; Grunwald 2001, 15 ff.). Erstens ist darauf zu verweisen, dass die „Branche“ der Sozialwirtschaft bei einer Fokussierung auf die Leistungserbringer bezüglich Beschäftigung, Vermögen, Ressourcen und angebotenen Dienstleistungen einen erhebli- chen volkswirtschaftlichen Stellenwert hat. Öffentli- che Träger und Non-Profit-Unternehmen wie vor allem die Wohlfahrtsverbände, zunehmend aber auch privatgewerbliche Unternehmen, stellen einen gravierenden sozioökonomischen und arbeits- marktpolitischen Faktor dar, der noch dazu kräftig wächst (Zimmer et al. 2009, 123 ff.; BAGFW Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art153, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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