Handbuch 5. Auflage
1669 Spiel Von Wolfgang Zacharias Spiel, in kultur-, sozial- und erziehungswissen- schaftlichen Kontexten auch als „Urphänomen des Lebens“ (Röhrs 1981) und „menschliches Grundverhältnis“ (Scheuerl 1990) bezeichnet, ex- pandiert und transformiert sich nach 2000 ent- sprechend Bedeutungsdimensionen und Erschei- nungsformen deutlich. Dies ist weitgehend veränderten zeit-räumlichen Form- und Funk- tionsqualitäten und der quantitativen Medialisie- rung und Digitalisierung (Erreichbarkeit und Zeitverbrauch) geschuldet. Einerseits entstehen hier neue Herausforderungen und Auftragslagen für Soziale Arbeit, für informelle und formale Spiel- und Lernkulturen und kulturell-ästhetische Bildung. Andrerseits zeigt sich, dass prinzipielle spieltheoretische wie spielpraktische Wissens- und Handlungsbestände hier in zu modifizierenden Formen durchaus auch weiterhin Gültigkeit ha- ben. Was ist Spiel? Die Spannweite geht vom experi- mentellen und geregelten Kinderspiel über Gesell- schaftsspiele (z. B. Brett- und Kartenspiele), Musik und Theater spielen, Sport und Wettkampf (Fuß- ball /Olympiade…) bis zu Glücks- und Liebes- spielen. Die „Dialektik des Spiels“ bedeutet, Spiel auch als Konflikt und Konfliktlösung gleichermaßen zu be- greifen (Sutton-Smith 1978) und als Ort und Chance kreativen sowohl problemlösenden wie verfremdenden Denkens und Handelns. Wesentli- che phänomenologische und theoretische Fragen stellte Hans Scheuerl (1990, Bd. 1). Diese sind immer wieder neu zu stellen: Was ist Spiel? ■ ■ In welchen Erscheinungsformen begegnet es uns? ■ ■ Welche Konsequenzen ergeben sich aus seinem ■ ■ reinen Sosein für Pädagogik? Jürgen Fritz setzt dies fort im Interesse und Appell „Das Spiel verstehen“ (Fritz 2004): Wie ist die Welt des Spiels mit den anderen Arealen der Le- benswelt verwoben? Welche Folgen hat das für die Menschen? Wie lässt sich die Welt des Spiels sinn- voll mit den anderen Arealen des Lebens ver- weben? Die Welt und das Leben: Ein Spiel? Der Komplex „Spiel, Spiele, Spielen“ spannt sich zwischen „Rausch und Regel“ (Stiftung Deutsches Hygiene-Museum 2005), Masken und Medien, Rollen und Realien, Kunst und Leben. Aktuelle Interpretationen verweisen auf diese erweiterte Dimensioniertheit, die durchaus an tradierte spiel- theoretische Interpretationen anknüpfen: Was im- mer unter den Begriff „Spiel“ fällt, bewegt sich zwischen zwei Extremen, dynamisiert, polarisiert und bedeutet die Ambiguität eines „Dazwischen“, so die Medientheoretikerin Sybille Krämer (Krä- mer in: Stiftung Deutsches Hygienemuseum 2005, 17). Der Soziologe Gerhard Schulze ergänzt: „Das Leben ein Spiel – Spiel und Wahrheit sind kein Gegensatz“ mit der Zuspitzung: Das Gehirn ist ein Spieler: „Geht es aber um soziales Handeln, um Gedanken, Gefühle, Gefühlsbekundungen, Erleb- nisse, Wahrnehmungen und Erinnerungen, so ist alles möglich, nur eines nicht: eine klare Unter- scheidung von Spiel und Wahrheit. Spiele sind die Wahrheit des Bewusstseins“ (Schulze in: Stiftung Deutsches Hygienemuseum 2005, 150). International ist das „Recht auf Spiel“ in der UN- Kinderrechtskonvention, Art. 31, verankert. Spiel ist viel: dialektisch, komplex, paradox, kon- struktiv, interaktiv, kommunikativ… „So eingängig dieser Begriff auch klingt, so schwer lässt er sich fassen“ (Fritz 2004, 5). Philosophen, Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art154, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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