Handbuch 5. Auflage
Stadtentwicklung 1693 ren (Kapphan 2002). Boettner (2002, 105 f.) hat in einer Fallstudie zu Duisburg-Marxloh gezeigt, dass diese Ambivalenz in widersprüchlichen „Deutungs- rahmen“ zum Ausdruck kommt, die er als diver- gierende „Problemmuster“ bezeichnet. Während nach dem einen Problemmuster gleichsam sozial- pflegerisch das homogene Milieu „optimiert“ wer- den soll, legt das konträre Muster ein „Gegensteu- ern“ nahe, also den Versuch, die Konzentration von problembeladenen Haushalten aufzulösen – ent- weder durch die Verringerung der Problemlagen solcher Haushalte oder durch ein Konzept der „so- zialen Mischung“, sprich: Aufwertung des Quar- tiers als Wohngebiet. Anlass für die Vermutung, dass sich die Konzentra- tion von Benachteiligten zusätzlich benachteiligend für die Benachteiligten auswirke oder dass „arme Nachbarschaften ihre Bewohner ärmer machen“ (Friedrichs 1998) sind die befürchteten negativen Konsequenzen einer hohen Konzentration von Ar- mut. Die Tatsache, so die These, dass man in einer bestimmten Gegend wohnt, wird selbst ein Faktor der Benachteiligung und führe zu Ausgrenzung. So- ziale Ungleichheit werde damit nicht nur verfestigt, sondern verschärft. Solche Effekte können sich auf verschiedene Weise ergeben. Die Diagnosen können in drei Dimensionen gruppiert werden: Benachteiligte Quartiere zeichnen sich durch Ei- a. genschaften aus, die entweder die Lebensführung beschwerlich machen und / oder die Handlungs- möglichkeiten ihrer Bewohner objektiv einschrän- ken. Dabei handelt es sich um physisch-materielle Merkmale eines Quartiers (Qualität als Wohnort, Erreichbarkeit) sowie seine institutionelle Ausstat- tung (Dienstleistungen und soziale Infrastruktur). Durch die vorherrschenden Überzeugungen und b. das dominante Verhalten der Bewohner entsteht eine lokale „Kultur“ bzw. ein Milieu, dem sich auch diejenigen nicht entziehen können, die ihm bisher nicht angehörten. Das Leben in einem Quartier prägt Verhaltens- und Denkweisen ihrer Bewohner, die im Falle einer abweichenden oder Subkultur die Mitglieder immer weiter von den anerkannten Normen und Verhaltensweisen der Gesellschaft entfernen. Das Quartier ist ein Ort sozialen Ler- nens. Die Bewohner können dadurch Nachteile er- leiden, dass sie z.B. Chancen auf demArbeitsmarkt auch dann nicht mehr haben bzw. ergreifen kön- nen, wenn diese objektiv (wieder) vorhanden sind. Eine dritte Dimension stellt das negative Image ei- c. nes Quartiers dar, das aufgrund eigener Erfahrun- gen oder aufgrund von Vorurteilen dem Quartier aufgedrückt wird und das dann sowohl nach innen (gegenüber seinen Bewohnern) als auch nach au- ßen (als Stigmatisierung der Bewohner) Effekte entfaltet, die die Handlungsmöglichkeiten der Be- wohner weiter einschränken. Zum einen sind es die Verhältnisse, unter denen Menschen leben müssen, die sie benachteiligen, zum anderen wird ihnen durch das Quartier ein bestimmtes Verhalten nahegelegt, das sie nicht an- nehmen würden, wenn sie woanders wohnen wür- den. Es sind drei Bündel von Effekten, die hier ver- mutet werden: soziales Milieu (normatives Regelsystem), materielle Ausstattung und Image (symbolische Repräsentation). Die stadtpolitische Antwort auf diese Probleme in Deutschland besteht im Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbe- darf – die Soziale Stadt“, das 1999 von der rot-grü- nen Bundesregierung ins Leben gerufen worden ist. Mit diesem Programm sollen die Abkoppelung der marginalisierten Quartiere von der übrigen Stadt- entwicklung bekämpft und die Lebenschancen der Bewohner verbessert werden. Dafür werden Quar- tier- bzw. Stadteilmanagements eingerichtet, die Kommunikation und Beteiligung organisieren und zwischen den Bedürfnissen der Bewohner und dem Handeln der Stadtverwaltungen vermitteln sollen. Die Residualisierung von Stadtquartieren zu be- kämpfen, in denen sich die Bevölkerungsteile kon- zentrieren, die am Arbeitsmarkt marginalisiert und kulturell diskriminiert werden, ist Aufgabe einer Stadtentwicklungspolitik, die in allen Teilen der Stadt für zugänglichen Wohnraum auch für Haus- halte mit geringen Einkommen sorgen muss. Die dauerhafte Ausgrenzung durch räumliche Segrega- tion vermindert die Lebenschancen der dort auf- wachsenden Kinder und Jugendlichen nachhaltig, weil dort insbesondere die Schulen zu „Restschulen“ mit einem niedrigen Niveau schulischer Bildung werden. Da die bildungsbewussten Eltern ihre Kin- der nicht auf solche Schulen gehen lassen, ist die Schulsegregation sogar noch höher als die soziale oder ethnische Segregation im Wohngebiet. Die komplexen Problemlagen aufzubrechen und der nachwachsenden Generation faire Bildungschancen zu bieten, kann keine noch so perfekte Bildungs-
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