Handbuch 5. Auflage
1692 Häussermann rausforderung dar, für die es bisher keine überzeu- gende politische Antwort gibt. Segregation und Residualisierung Mit dem Begriff „Residualisierung“ wird ein Pro- zess bezeichnet, in dessen Verlauf eine marginali- sierte Bevölkerung in einigen Quartieren der Stadt konzentriert wird. Dadurch werden diese Viertel gleichsam als Mülleimer für eine Restbevölkerung markiert, die in den übrigen Quartieren der Stadt keine Wohnmöglichkeiten mehr finden – entwe- der weil sie die dort höheren Mieten nicht bezahlen können, oder weil sie kulturell diskriminiert wer- den. Letzteres trifft vor allem, aber nicht nur für Migranten zu. Diese Segregation kann negative Auswirkungen für die dort wohnenden Bevölke- rungsgruppen haben – aus benachteiligten Gebie- ten können benachteiligende Gebiete werden. Als Segregation wird in der Stadtforschung die räumlich ungleiche Verteilung von verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Stadtgebiet bezeichnet (Friedrichs 1995; Häußermann / Siebel 2004). Se- gregation kann anhand verschiedenster Merkmale beschrieben werden: Klassen, Schichten oder Mi- lieus; Merkmale der sozialen Lage wie Einkommen, Armut oder Arbeitslosigkeit; demographische Merkmale wie Alter, Nationalität oder Migrations- hintergrund. Lebensstile und Haushaltsformen unterscheiden sich ebenfalls signifikant zwischen verschiedenen Orten in der Stadt. Am stärksten segregiert wohnen in der Regel die Reichsten und die Ärmsten (Friedrichs 1995) – allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen: Die Reichen wohnen, wo sie wollen, die Armen wohnen, wo sie müssen. Nicht jede Art von Segregation wird als „problema- tisch“ angesehen. Ob sie als problematisch gilt, hängt von der Perspektive der Analyse ab. Die sehr verbreitete Forderung nach einer (häufig als „ge- sund“ apostrophierten) sozialen Mischung leitet sich aus der Geschichte der industriellen Stadt ab und stellt eine Reaktion auf die Entstehung von Arbeitervierteln dar, die als kulturell und politisch gefährlich galten; eine zweite Perspektive bezieht sich auf befürchtete Effekte der räumlichen Kon- zentration von bestimmten Gruppen der Bevölke- rung in wenigen Teilräumen der Städte für deren Bewohner . Während bei der ersten Perspektive die Angst vor unerwünschten (politischen) Reaktionen einer benachteiligten Schicht im Vordergrund steht, wird bei der zweiten nach den Lebenschan- cen der Bewohner gefragt. Wird also im einen Fall gleichsam „von oben herab“ die Wünschbarkeit der Konzentration einer Bevölkerungsgruppe (etwa: Migranten) beurteilt, frage man im zweiten Fall danach, ob Bewohner eines Quartiers mit hoher sozialer oder ethnischer Homogenität aus dieser Tatsache Vor- oder Nachteile haben. Das ist die Frage nach den Nachbarschafts- oder Kontext- effekten. Die ethnische Segregation, also die Konzentration von Migranten in einigen Quartieren, wird in der Regel als nachteilig für „Integration“ eingestuft. Obwohl Mischung ständig als erstrebenswertes Ziel beschworen wird, gibt es für deren höheren Nutzen nicht nur keine schlüssigen Begründungen (Häu- ßermann 2007; Farwick 2008), sondern es gibt auch keine wirksamen stadtpolitischen Instrumente, Segregation zu bekämpfen oder zu beseitigen. Kontexteffekte Wie bereits in der Diskussion über die „Sanierungs- gebiete“ in den 1960er und 1970er Jahren deutlich wurde (Häußermann et al. 2002), kann dasselbe Milieu höchst unterschiedlich bewertet werden. Während die politische Definition von „einseiti- gen“ Sozialstrukturen den heruntergekommenen Altbauquartieren und ihren Bewohnern pauschal einen Modernisierungsbedarf attestierte, berief sich der Widerstand gegen die „Kahlschlagsanierung“ darauf, dass diese Quartiere ein bewahrenswertes Milieu beherbergten, das auf langer Wohndauer, informellen Hilfesystemen und dichter Kommuni- kation beruhte. „Zurückgebliebene“ Quartiere wurden also einerseits als Schutzräume für Arme und Alte betrachtet, andererseits als Orte, die die gesellschaftliche Benachteiligung befestigten. Poli- tisch wurde damals argumentiert, die Situation in den Altbauquartieren stelle kein benachteiligendes, sondern ein emanzipatorisches Milieu dar, weil auf der Basis von Homogenität und lokaler Kommuni- kation sich eine widerständige Kultur entwickeln könne, die durch Eingriffe von außen (bewusst) zerstört würde. Der Stadtteil kann als „Ressource der Lebensbewäl- tigung“ (Herlyn et al. 1991) dienen, kann aber auch als Beschränkung der Lebenschancen fungie-
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