Handbuch 5. Auflage
1695 Subjekt und Autonomie Von Mark Schrödter Die Begriffe Subjekt und Autonomie bezeichnen Voraussetzung und Ziel von (Sozial-)Pädagogik und Sozialer Arbeit. Sie fungieren als Ausgangs- punkt der Theoriebildung und Zielgrößen prakti- schen Handelns insofern Erziehung, Bildung und Lebensbewältigung in der Sozialen Arbeit aus der Möglichkeit bzw. Notwendigkeit der Subjektwer- dung und Autonomisierung begründet werden. Oftmals ist auch davon die Rede, dass es in der Sozialen Arbeit darum gehe, das Individuum in seinem Subjektstatus gegen soziale Verhältnisse der Entfremdung und des Zwangs zu stärken und zur Kritik an problematischen gesellschaftlichen Idea- len und Zumutungen zu befähigen. Soziale Arbeit wird häufig aus dem Mangel an Autonomie der Adressaten begründet, wodurch sie als „Klienten“ definiert werden. In diesem Sinne ist für die soziale Kategorie des „Klienten“ der Sozialen Arbeit der Mangel an Autonomie konstitutiv. Die Autonomi- sierung des Klienten wird somit zum Ziel Sozialer Arbeit. Sozialpädagogisch geht es dabei nicht nur um die Vermittlung von Kompetenzen zur Aus- übung von Autonomie, sondern vor allem auch um die Gewährleistung der sozialen Bedingungen von Autonomie. Der Begriff des Subjektes bezeichnet eine mit Ich- Bewusstsein, Handlungsintentionalität, Identität und Reflexivität ausgestattete Instanz. Theorien des Subjekts unterscheiden sich danach, in wel- chem Maße sie diese Instanz als Träger und Sitz von Handlungsfähigkeit oder als kommunikative Zuschreibungskategorie betrachten (so etwa in der Luhmannschen Systemtheorie). Autonomie be- deutet der etymologischen Wurzel nach „Selbst- gesetzgebung“ (von altgriech. autonomía = sich selbst Gesetze gebend). Damit ist die Vorstellung verbunden, dass wir unser Leben nach unseren ei- genen Vorstellungen zu führen im Stande sind. Entsprechend verstehen wir unter einem autono- men Subjekt eine Person, die sich Meinungen bil- den, Wünsche ausbilden, Handlungspläne entwer- fen und ihre Handlungen selbst initiieren und verantworten kann. Es geht also vor allem um die Werte, Wünsche, Überzeugungen, Einstellungen, Meinungen, Motive, Pläne, etc. der Person, die im Folgenden kurz als „Präferenzen“ bezeichnet wer- den sollen. Präferenzen gelten als autonom, wenn sie der Person nicht aufgezwungen worden sind sondern als ihre eigenen betrachtet werden können und in diesem Sinne „authentisch“, also wesentli- cher Teil ihres Selbst sind. Es geht hier um das Wesen des Menschseins, zu das uns Sozialpädago- gik verhelfen soll. Kritik des Subjekts Gegen diese Vorstellung des Subjekts, das sich seine Präferenzen selbst setzt, ist die These vom „Tod des Subjekts“ erhoben worden. Mit dieser These wird der Zweifel artikuliert, ob es sinnvoll ist, von einem autonomen Handlungszentrum des Subjekts aus- zugehen. Häufig werden in der (europäischen) Theoriegeschichte verschiedene Denker benannt, die Etappen der fundamentalen Infragestellung des Subjektsbegriffs repräsentieren und zu der Vorstel- lung des „dezentrierten Subjekts“ in der Post- moderne geführt haben (Hall 1992). So symboli- siert Karl Marx die soziologische Erkenntnis, dass wir durch die gesellschaftlichen Bedingungen be- stimmt werden. Wir sind Produkt der sozialen Ver- hältnisse. Mit Siegmund Freud wird die Einsicht in die bestimmende Kraft innerpsychischer Instanzen und Verdrängungen verbunden. Ferdinand Saus- sure repräsentiert die linguistische Infragestellung der naiven Vorstellung der Möglichkeit der auto- nomen Verfügung über die Sprache als Mittel der Repräsentation von Welt. Da Bedeutungen sozial Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art158, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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