Handbuch 5. Auflage
1696 Schrödter geteilt sind und dem Handelnden vorgängig sind, sind nicht wir, die sprechen, sondern die Sprache spricht uns. Friedrich Nietzsche steht für Einsicht, dass das, was wir als unser eigenes Denken und Fühlen wahrnehmen, epochespezifischen Denk- formationen geschuldet ist und dass Wahrheits- spiele bestimmen, was wir denken, fühlen und sa- gen können. Und schließlich stehen die neueren Erkenntnisse der Neurobiologie für die biologische Verfasstheit unseres Denkens, Fühlens und Han- delns. Zusammengenommen kann aus diesen Ein- sichten gefolgert werden, dass Autonomie im Sinne der Selbstgesetzgebung unmöglich ist, weil es kein vorsoziales Selbst gibt, wir nicht Herr unserer Handlungen sind und wir uns Selbst nicht voll- ständig verstehen können. Neben der Kritik an der theoretischen Konsistenz von Vorstellungen des autonomen Subjekts sind auch dessen praktische Implikationen kritisiert worden. So seien gegenwärtige sozialpolitische Dis- kurse dominiert von neoliberalen Modellen des „Selbstunternehmertums“ (Bröckling et al. 2000), durch die ehedem kritisch und progressiv kon- notierte sozialpädagogische Konzepte von Emanzi- pation, Autonomie und Empowerment genutzt werden, um Sozialleistungen abzubauen. Es wird auf die Eigenleistungen der Bürger gesetzt, ihnen aber gleichzeitig die Ressourcen vorenthalten, die zur Erbringung solcher Leistungen nötig wären (Ziegler 2008; Kessl /Otto 2009). Über solche Instrumentalisierungen von Idealen des Subjekts hinaus, die zuvor noch in den Dienst der Emanzipation und Kritik gestellt worden waren, hat sich eine noch fundamentalere Kritik an den Rekurs auf das autonome Subjekt gebildet. Dieser Kritik zufolge könne die Idee des autonomen Sub- jekts deshalb nicht problemlos als normativer Be- zugspunkt einer Kritik von Macht- und Herr- schaftsverhältnissen dienen, da „emanzipatorische“ Ideen des autonomen Subjekts oftmals ihrerseits weitere Zwänge beinhalten (Ricken 2007; Kessl 2005). So hat Foucault (1977) gezeigt, wie die Vor- stellung einer inneren Befreiung – etwa einer „be- freiten Sexualität“ – selbst wieder zu einem Zwang, bspw. in Form einer Geständniskultur werden kann. Auch sind emanzipatorische Konzeptionen des Sub- jekts oftmals mit Effekten der Ausschließung be- stimmter Gruppen verbunden. So hat die gesell- schaftliche Privilegierung des „rational“ handelnden, von sozialen Beziehungen losgelösten, „zivilisierten“ Subjekts historisch die Ausschließung bestimmter Kollektive wie etwa: „Verrückte“, Frauen und Schwarze legitimiert und diese als Andere erst kon- stituiert. In dem Maße, in dem Subjektideale an den lebensweltlichen Realitäten (stilisierter) weißer Männer gebildet werden, wird ein defizitäres und insbesondere: heteronomes Anderes konstruiert, was wiederumHerrschaftsbeziehungen reproduziert und legitimiert (Meyers 2002; Collins 2000). Konzeptionen des autonomen Subjekts können also gefährlich sein. Daher raten viele AutorInnen zur Achtsamkeit im Umgang mit solchen Katego- rien. Andere tendieren sogar dazu, darauf zu ver- zichten, diese Kategorien als normative Bezugs- punkte zu verwenden und konzentrieren sich auf die Dekonstruktion der vermeintlichen Natur- wüchsigkeit, Universalität und Unhintergehbarkeit bestehender Subjektvorstellungen. Epistemisches, idealtypisches und empirisches Subjekt: Subjekt – Person – Individuum Um die Geltungsreichweite dessen einzuschätzen, was gemeinhin unter dem Label der „Kritik des Subjekts“ firmiert, ist jeweils genau zu prüfen, wo- rauf sich die Kritik im Einzelnen bezieht. So lassen sich unterschiedliche Analyseebenen des Subjekts unterscheiden: die Ebene des epistemischen Sub- jekts, des idealtypischen Subjekts und des empiri- schen Subjekts (Oevermann 1979; 1981). Diese Ebenen stehen im Verhältnis von Allgemeinem, Be- sonderem und Einzelnem zueinander. Auf der all- gemeinen Ebene haben wir es damit zu tun, was wir in einem engeren Sinne als „Subjekt“ bezeichnen, während das Besondere die „Person“ und das Ein- zelne das „Individuum“ markiert (Frank 1986). Der epistemischen Ebene sind Überlegungen zu- zuordnen, die die Bedingungen der Möglichkeit von Autonomie explizieren. Wie ist überhaupt so etwas wie eine autonome Handlung oder eine au- tonome Lebensführung denkbar? Welche Eigen- schaften müssen soziale oder kommunikative Strukturen notwendig aufweisen, damit wir ihnen sinnvoll Autonomie zusprechen können? Wer selbst mit einem positiven Begriff des Subjekts operieren und nicht lediglich bestehende Konzep- tionen in dekonstruierender Einstellung kritisieren will, muss auf dieser allgemeinen Ebene eine zeit-
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