Handbuch 5. Auflage
17 Historischer Überblick Die Erlebnispädagogik kann in Deutschland auf eine äußerst wechselhafte Geschichte zurückbli- cken. Von lebensphilosophischen Strömungen aus- gehend wurde der Begriff Erlebnis an der Wende zum 20. Jahrhundert zumModewort und zu einem gegen die Moderne gerichteten zivilisations- und kulturkritischen Kampfbegriff zugleich. Über die Reformpädagogik, die Pfadfinderbewegung, den Wandervogel und die bündische Jugend gelangten Erleben und Erlebnis in das Feld schulischer und außerschulischer Pädagogik (Andresen 2007; Oel- kers 2007). Mit dem Ersten Weltkrieg, später dann aber vor allem im deutschen Nationalsozialismus, zeigte sich die Anfälligkeit von primär auf antiratio- nalen und antiintellektualistischen Überzeugungen sowie starken Gefühlen und entschlossenen Taten beruhenden Konzepten für militaristische, völki- sche und antisemitische Ideen. Vor dem Hinter- grund der noch frischen Erfahrungen mit der In strumentalisierung und Ästhetisierung körper- und naturnaher pädagogischer wie philosophischer An- sätze für die Zwecke des totalitären Staates in Nazi- Deutschland (Simon 2007) konnten erlebnispäd agogische Ansätze nach 1945 in den Bildungs- und Erziehungsinstitutionen nur äußerst mühsam wie- der Fuß fassen. Lässt man die Praxis in den Jugend- verbänden außer Acht (Heckmair /Michl 2004, 49 f.), so repräsentierten in den ersten Jahrzehnten Nachkriegsdeutschlands deshalb mehr oder weniger allein die auf der Kurzschulidee Kurt Hahns beru- henden maritimen und alpinen Outward-Bound- Schulen, die 1952 in Weißenhaus, 1956 in Baad und 1968 in Berchtesgaden gegründet wurden (Richter 1966), ein moralisch integeres und huma- nitär gerahmtes erzieherisches Konzept, mit dem nach und nach schließlich auch der Begriff „Erleb- nispädagogik“ assoziiert wurde, wenngleich Kurt Hahn selbst noch stets von „Erlebnistherapie“ ge- sprochen hatte (Röhrs 1966; mit kritischen Anmer- kungen zu Hahn Stübig 2007 und von Hentig 1966). Erst mit Beginn der 1980er Jahre geriet die Erlebnispädagogik in den Fokus professioneller Ju- gendhilfe. Zunächst waren es auf einen längeren Zeitraum interventionspädagogisch oder therapeu- tisch angelegte Segelprojekte, in denen es um die Resozialisierung sozial auffälliger oder drogenkon- sumierender Jugendlicher ging, die mit dem Begriff Erlebnispädagogik konnotiert wurden (Bauer 2001, 62 f.). Aber auch in der Jugendarbeit und Jugend- bildung, die nicht primär auf Sozialisations- und Erziehungsprobleme reagieren muss, sondern sich allgemein an der Förderung und Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen ausrichtet, kündigte sich ein Wandel an, der schließlich im Jahr 1985 durch eine kontroverse Publikation unter dem be- zeichnenden Titel „(Er-)Leben statt Reden“ mar- kiert wurde (Fischer et al. 1985). Seither befindet sich die Erlebnispädagogik in Deutschland – darü- ber sind sich alle Betrachter trotz bisweilen kri tischer Kommentierungen einig (Schott 2003; Scherr 2006) – in einem scheinbar unaufhaltsamen Aufwärtstrend. Als „Eisbrecher in einer erstarrten Lernlandschaft“ (Thiersch 2004, 430) gewinnt sie zunehmend an Attraktivität und schreibt mit ihrer Vielfalt an offenen, erfahrungsgesättigten, leib-sinn lichen und ganzheitlichen Lernarrangements an ei- ner Erfolgsgeschichte, die sich auch im 21. Jahr- hundert fortsetzt. Dies zeigt bereits ein oberflächlicher Blick auf die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe, in der die Abenteuer- und Erlebnis pädagogik – diese Begriffserweiterung setzt sich zu- nehmend durch (s. u.) – eine immer relevantere Rolle spielt (Runtsch 1993; Schirp 2000; Schirp 2008; Schirp /Thiel 2004). Abenteuer- und er- lebnispädagogische Ansätze werden heute in um- fangreicher Form zur Problembearbeitung in den Abenteuer- und Erlebnispädagogik Von Jochem Schirp Otto /Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378 / ot4az.art001, © 2013, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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