Handbuch 5. Auflage
18 Schirp Bereichen Jugendgewalt, Drogenkonsum, Berufso- rientierung, Schulverweigerung, Gesundheit, im Hinblick auf die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder unter einer allgemein- präventiven Perspektive umgesetzt. Ihre Klientel findet diese Arbeit in Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung, in Häusern der offenen Tür, auf Aben- teuerspielplätzen, in Jugendtreffs in ländlichen Ge- bieten, aber auch über mobile und aufsuchende Formen, z. B. Streetwork, in Jugendberufshilfe maßnahmen und Projekten der außerschulischen Jugendbildung sowie über die immer mehr prakti- zierten Kooperationen zwischen Einrichtungen der Jugendarbeit und Schulen. Der unmittelbaren Handlungspraxis der sozialen und pädagogischen Fachkräfte, die in der Regel während ihrer Aus bildung oder im Anschluss daran eine erlebnispäd agogische Zusatzqualifikation absolviert haben, liegt dabei zumeist eine je nach Handlungsfeld aus- differenzierte sozialpädagogische Förderungsper spektive und – daran angedockt bzw. konzeptionell integriert, wenn auch nicht immer explizit und ela- boriert – ein weit gefasstes, an Kategorien von Au- tonomie oder Ganzheitlichkeit sich orientierendes Bildungsverständnis zugrunde. Dieses Verständnis wird deutlich von einem „verkürzten“ schulischen Bildungsbegriff abgegrenzt, der allein auf den Er- werb von Faktenwissen und kognitiven Fähigkeiten setzt oder auf Nützlichkeitserwägungen bzw. öko- nomischen Verwertungsinteressen beruht (Thiersch 2004, 436; Becker 2009, 5 f.). Die Praxiskonzepte fokussieren primär auf die Persönlichkeitsentwick- lung und die Entwicklung sozial-emotionaler Kom- petenz von Kindern und Jugendlichen. Es geht u. a. um das Erkennen persönlicher Grenzen und ihre Überwindung, die Erfahrung von Selbstwirksam- keit und unmittelbarer Handlungsfähigkeit mit dem eigenen Körper, um soziale Erfahrungen des miteinander Seins und des aufeinander angewiesen Seins in der Gruppe bei der leib-sinnlichen Ausein- andersetzung mit realen oder konstruierten Natur- situationen. Darunter werden in aller Regel die Praktiken des Kletterns, Wanderns, Segelns, Kanu- fahrens, des Übernachtens im Freien und des Lager- feuers subsumiert, auch wenn seit einigen Jahren ebenfalls urbane Abenteuersituationen und Bewe- gungspraktiken (City-Bound, Parkour etc.) zum Spektrum der abenteuer- und erlebnispädagogi- schen Ansätze gezählt werden, die ein gegenüber den naturräumlichen Settings vergleichbares Anfor- derungsprofil aufweisen, sowie Aktivitäten an ho- hen und niedrigen Seilstationen (High and Low Level Ropes Courses). Gerade die Hoch- und Nied- rigseilgärten konnten in den vergangenen etwa 15 Jahren einen enormen Bedeutungszuwachs ver- zeichnen. Ernstzunehmende Schätzungen gehen von ca. 500 Seilgärten in Deutschland aus, von de- nen ein Teil zu pädagogischen Zwecken, ein anderer Teil eher im Sinne eines kommerziellen Kletterparks betrieben wird. (Sozial-)Pädagogische Verortungen Es ist hier nicht der Ort, die Erfolgsgeschichte der Abenteuer- und Erlebnispädagogik in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit und ihre Ursachen detailliert nachzuzeichnen und dabei auch die Schwierigkeiten aufzufächern, die sich aus den z.T. unzureichenden und schwammigen Definitions- versuchen ergeben, die eng mit dem Terminus Er- lebnispädagogik zusammenhängen (kritisch: dazu Becker 2000). Nur angedeutet werden kann die vielfach formulierte Skepsis u. a. an ihrer begriff- lich-systematischen Unschärfe, an ihren zivilisa- tions- und kulturkritischen Färbungen und an ih- rer linear-positivistischen Begründungsrhetorik (Sommerfeld 2001). Auch kann an dieser Stelle nicht der Entwicklungsbedarf in der sozialpädago- gischen Theoriebildung diskutiert werden, in der bis heute Fragen zur Rolle leib-sinnlicher Erfah- rungen, von Abenteuer, Körper und Bewegung in der Jugendhilfe weitgehend ausgeklammert werden (Niekrenz /Witte 2011). Trotz dieser Leerstellen liegen inzwischen aber ei- nige ernsthafte Versuche vor, einen Dialog zwi- schen allgemeiner Sozialpädagogik und Abenteuer- und Erlebnispädagogik zu initiieren und zur systematischen Reflexion der Position und Funk- tion der Abenteuer- und Erlebnispädagogik im Bil- dungs- und Erziehungssystem beizutragen. Dazu gehören die Publikationen von Hans Thiersch (1993; 2004), in denen er die Bedeutsamkeit des Abenteuers im Kontext einer lebensweltorientier- ten Jugendhilfe auslotete. Wo Pädagogik ansonsten scheitere, könne das Abenteuer neue Zugänge er- möglichen und im Sinne eines funktionellen Äqui- valents im pädagogischen Setting an den abenteu- erlichen und riskanten Lebenspraxen ausgegrenzter Jugendlicher anknüpfen. Die kulturanthropologi-
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