Handbuch 5. Auflage

Subjekt und Autonomie 1703 bildung möglich, wenngleich Letztere es nicht zu erlauben scheinen, nicht zu intervenieren. Der Un- terschied liegt aber vor allem darin, dass historische ebenso wie substantiale Theorien bereits Adaptions- phänomene konzeptionell aus dem Begriff der Auto­ nomie ausschließen wollen – dadurch aber in die Verlegenheit kommen, Adaption begrifflich von Nicht-Adaption zu unterscheiden –, während struk- turale Theorien gar keinen Begriff von Adaption haben. Sozialpädagogen, die mit historischen oder sub- stantialen Theorien operieren, mögen eher sensibel sein für herrschaftsförmige soziale Bedingungen des Aufwachsens. Aber sie laufen Gefahr, mit nor- mativen Annahmen über Anpassungsphänomene zu operieren und den Klienten solange nicht als autonom und entsprechend als interventionsbe­ dürftig zu bezeichnen, bis er sich die Vorstellungen vom guten Leben des Sozialpädagogen zu Eigen gemacht hat. Sozialpädagogen, die ausschließlich mit strukturalen Theorien operieren, mögen un- sensibel sein für herrschaftsförmige Anpassungs- prozesse. Operieren sie aber zusätzlich mit Begriffen von Herrschaft, Ideologie, etc. dann werden auch sie den Klienten entsprechend Bildungsangebote machen. Mit diesen Bildungsangeboten erweitern sie das Autonomiepotenzial des Klienten durch die Eröffnung von Handlungsalternativen, welches er dann langfristig in manifeste Autonomie wandeln muss, indem er entweder seine bisherige Existenz umso kräftiger befürwortet oder sich auf die Suche nach einer neuen begibt. Unabhängig davon, mit welchem Autonomie- begriff Soziale Arbeit operiert, also unabhängig da- von wie restriktiv sie Zuschreibungen von Auto- nomie vornimmt, ist es sicherlich im Sinne eines sozialpädagogischen Grundprinzips für die Arbeits- beziehung produktiv, den Klienten zumindest kon- trafaktisch Autonomie zu unterstellen (Friedman 2003), weil ohne diese Unterstellung von Auto- nomie und damit ohne die praktische Inkraftset- zung einer Anerkennungsbeziehung die Auto- nomisierung benachteiligter, ausgeschlossener, diskriminierter und missachteter Individuen empi- risch gewiss nicht möglich ist. Literatur Anderson, J. (2008): Disputing Autonomy. Second-Order Desires and the Dynamics of Ascribing Autonomy. Nordic Journal of Philosophy 1, 7–26 Bandura, A. (1998). Self-efficacy: The Exercise of Control. 2.Aufl. Freeman, New York Benson, Paul H. (1994): Free Agency and Self-worth. Journal of Philosophy 91, 650–668 – (1991): Autonomy and Oppressive Socialization. Social Theory and Practice 3, 385–408 Bröckling, U., Krasmann, S., Lemke, T. (Hrsg.) (2000): Go- vernmentalität der Gegenwart: Studien zur Ökonomisie- rung des Sozialen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Brumlik, M. (2004): Advokatorische Ethik. Zur Legitimation pädagogischer Eingriffe. Philo, München Buckingham, D. (2000): After the Death of Childhood. Growing up in the Age of Electronic Media. Polity Press, Cambridge Chirkov, V.I. (2009): A Cross-Cultural Analysis of Auto- nomy in Education: A Self-Determination Theory Per- spective. Theory and Research in Education 2, 253–262. –, Ryan, R.M., Kim, Y., Kaplan, U. (2003): Differentiating Autonomy from Individualism and Independence. A Self- Determination Theory Perspective on Internalization of Cultural Orientations and Well-Being. Journal of Persona- lity and Social Psychology 1, 97–110. Christman, J. (2007): Autonomy, history, and the subject of justice. Social Theory and Practice 1, 1–26 – (2005): Autonomy, Self-Knowledge, and Liberal Legiti- macy. In: Christman, J., Anderson, J. (Hrsg.): Autonomy and the Challenges to Liberalism. New essays. Cambridge University Press, Cambridge, 330–358 – (1991): Autonomy and Personal History. Canadian Journal of Philosophy 1, 1–24 –, Anderson, J. (Hrsg.) (2005): Autonomy and the Challen- ges to Liberalism. New essays. Cambridge, University Press Cambridge Collins, P.H. (2000): Black Feminist Thought. Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment. 2.Aufl. Routledge, New York Deci, E.L./Ryan, R.M. (1987): The Support of Autonomy and the Control of Behavior. Journal of Personality and Social Psychology 6, 1024–1037. –, – (1985): Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. Plenum Press, New York DeSeCo (2005): Definition und Auswahl von Schlüsselkom- petenzen. Swiss Federal Statistical Office, Neuchâtel Dworkin, G. (1988): The Theory and Practice of Autonomy. Cambridge University Press, Cambridge Foucault, M. (1977): Sexualität undWahrheit: Der Gebrauch der Lüste, Bd. 2 (dt. 1986). Suhrkamp, Frankfurt/M. Frank, M. (1986): Die Unhintergehbarkeit von Individuali- tät. Reflexionen über Subjekt, Person und Individuum aus Anlass ihrer ‚postmodernen‘ Toterklärung. Suhrkamp, Frankfurt/M.

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