Handbuch 5. Auflage

1705 Sucht und Rausch Von Stephan Sting Die Suchtdiskussion ist von einer Problemverschie- bung geprägt, die es schwer macht, angemessene Zugänge in der Suchtprävention und Suchthilfe zu entwickeln: Neue Verhaltensphänomene im Be- reich des Substanzkonsums, des Mediengebrauchs oder der sozialen Praktiken, die sich in der Gesamt- bevölkerung ausbreiten, werden schnell mit einem auf Kinder und Jugendliche bezogenen Problem- diskurs verknüpft. Damit geht eine Tendenz einher, in der Erwachsenengesellschaft tabuisierte Pro- blem- und Praxisbereiche wie Sucht und Rausch auf das Kindes- und Jugendalter zu projizieren. Die Aufmerksamkeit auf jugendliche Sucht-Moden lenkt von den Rauscherfahrungen und Suchtpro- blemen der Erwachsenen ab, was dazu führt, dass sich am gesellschaftlichen Umgang mit der Sucht- problematik wenig ändert. Die Auseinandersetzung mit Sucht muss sich ange- sichts dieser öffentlichen Funktionalisierung des Suchtdiskurses zunächst mit einer Analyse suchtre- levanter Praktiken und Verhaltensweisen befassen, um einen Eindruck von Art und Ausmaß der Pro- blemstellung zu gewinnen. Zugleich ist eine diffe- renzierte Betrachtung der Phänomene „Rausch“, „Sucht“ und „Abhängigkeit“ im Kontext der gesell- schaftlich etablierten Rausch- und Drogenkultur erforderlich. Erst vor diesem Hintergrund wird es möglich, Konzepte der Suchtprävention und der Suchtrehabilitation einzuschätzen und deren Be- deutung für die Soziale Arbeit zu bestimmen. Substanzkonsum und Suchtprobleme Mit der Suchtthematik wird zunächst der Konsum psychoaktiver Substanzen in Verbindung gebracht. Dazu zählen die legalen Substanzen Tabak, Alkohol und Medikamente und illegale Substanzen wie Cannabis, Ecstasy, Amphetamine, Kokain, Heroin und biogene Drogen. Eine wesentliche Unterschei- dung besteht zwischen Substanzkonsum und Sucht. In den meisten Fällen bleibt der Konsum der verschiedenen Substanzen relativ unproblema- tisch, wobei der Übergang zu süchtigem Verhalten unklar und die Indizien dafür vielfältig und unge- wiss sind. In der Entwicklung des Substanzkon- sums zeichnet sich seit Ende der 1970er Jahre trotz einzelner Gegentendenzen eine zunehmende Mä- ßigung ab, die mit einer gestiegenen Gesundheits- orientierung in der Bevölkerung einhergeht. Rauchen: Der Tabakkonsum gilt als das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in unserer Gesell- schaft; in Deutschland werden jährlich ca. 140.000 vorzeitige Sterbefälle dem Rauchen zugerechnet (Drogenbeauftragte 2008, 38). Etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland raucht. Dabei hat sich seit den 1990er Jahren eine Angleichung der Geschlechter vollzogen. Seit Ende der 1970er Jahre lässt sich sowohl unter Erwachse- nen als auch unter Jugendlichen und jungen Er- wachsenen ein Rückgang des Tabakkonsums be- obachten, der im Jahr 2008 einen historischen Tiefstand erreicht (Kraus 2008; BZgA 2008, 8). Alkohol: Alkohol ist die Kulturdroge Nr. 1 in un- serer Gesellschaft. 95–98% der erwachsenen Be- völkerung im deutschsprachigen Raum trinken gelegentlich oder regelmäßig Alkohol. Der Alko- holkonsum stellt eine Normalität in unserer Gesell- schaft dar, in die Kinder und Jugendliche im Ver- lauf der Entwicklung hineinwachsen. Bis zur Schwelle des Erwachsenenalters erreicht der Alko- holgebrauch eine Verbreitung, die in etwa derjeni- gen der Erwachsenengesellschaft entspricht (Kraus et al. 2008, 74). Er weist eine Geschlechterdifferenz auf, nach der Jungen und Männer deutlich mehr Alkohol konsumieren als Mädchen und Frauen (Lampert /Thamm 2007, 604 f.; Kraus 2008). Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art159, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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