Handbuch 5. Auflage

1706 Sting  Insgesamt ist seit den 1990er Jahren ein Rückgang der Konsummengen zu beobachten, der auch For- men riskanten Alkoholkonsums betrifft. Die Alters- gruppe mit den höchsten Konsumraten sind die 40 bis 59-Jährigen. Bei Jugendlichen und jungen Er- wachsenen finden sich demgegenüber die höchsten Raten an wöchentlichem Rauschtrinken (Kraus 2008; BZgA 2008). Während dementsprechend das Durchschnittsalter der Suchthilfe-Klienten mit Alkoholproblemen bei ca. 45 Jahren liegt, treten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Pro- bleme infolge von Überdosierungen und konsum- bezogenen Unfällen auf (Statistisches Bundesamt 2007; Sonntag et al. 2007a, 16 f.; 2007b, 50 f.). Medikamente: Der missbräuchliche, nicht be- stimmungsgemäße Gebrauch von Medikamenten (Schlaf- und Beruhigungsmittel, Anregungsmittel und Appetitzügler, Antidepressiva etc.) gilt als „stille Sucht“, der lange Zeit wenig Beachtung ge- schenkt worden ist. Da die häufigste Bezugsquelle ärztliche Verordnungen sind (Roesner /Küfner 2007, 71), kann man Medikamentenabhängigkeit als eine unerwünschte Nebenwirkung unseres Ge- sundheitssystems bezeichnen. Schätzungen gehen von 1,9 Millionen Betroffenen in Deutschland aus. Die Repräsentativerhebung zum Substanzkonsum unter Erwachsenen berichtet bei 4,7% der 18 bis 64-Jährigen von problematischen Gebrauchsmus- tern, wobei mehr Frauen als Männer betroffen sind und die Gefährdung mit höherem Alter zunimmt (Kraus 2008). Illegale Drogen: Im Vergleich zu den legalen Sub- stanzen spielt der Konsum von illegalen Drogen eine relativ geringe Rolle. Zwar sind etwas weniger als die Hälfte der Heranwachsenden bereit, illegale Drogen auszuprobieren, doch bleibt es in den meisten Fällen bei wenigen Konsumexperimenten. Der von Mitte der 1990er Jahre bis Mitte der 2000er Jahre konstatierte Anstieg der Lebenszeit- prävalenzen für den Konsum illegaler Drogen un- ter Jugendlichen und jungen Erwachsenen (BZgA 2004, 7–13) ist überwiegend auf Cannabiserfah- rungen zurückzuführen. Während bei allen ande- ren illegalen Drogen die Konsumraten relativ ge- ring sind, hat sich Cannabis bei einer Minderheit der Jugendlichen (ca. 12–18%) als Alltagsdroge etabliert (Kraus et al. 2008, 113; Lampert /Thamm 2007, 605). Seit Mitte der 2000er Jahre ist ein Rückgang des Konsums von Cannabis und ande- ren illegalen Drogen zu beobachten (BZgA 2008; Kraus 2008). Insgesamt konsumieren in Deutsch- land ca. 1,1 Millionen der 18 bis 64-Jährigen regel- mäßig Cannabis und 0,3 Millionen regelmäßig andere illegale Drogen. Krankenhausaufenthalte aufgrund des Missbrauchs illegaler Drogen sind in der Altergruppe der 20 bis 25-Jährigen am häufigsten, was den „episodischen Charakter“ des Konsums illegaler Drogen unter- mauert (Statistisches Bundesamt 2007). Der Ein- stieg in den Cannabiskonsum liegt durchschnitt- lich bei 16,4 Jahren, bei allen anderen illegalen Drogen zwischen 17 und 18 Jahren (Lampert / Thamm 2007, 605 f.; BZgA 2004, 16). Mit 20–25 Jahren erreicht der Konsum illegaler Drogen seinen Höhepunkt, um danach deutlich zurückzugehen. Suchtprobleme in Verbindung mit illegalen Dro- gen werden bereits im jungen Erwachsenenalter manifest, wobei vor allem cannbisbezogene Stö- rungen eine nennenswerte Verbreitung in der Suchthilfe erfahren haben (Sonntag et al. 2007b, 51). Substanzungebundene Suchtformen: Neben den substanzgebundenen Suchtformen werden auch eine Reihe von substanzungebundenen Suchtfor- men öffentlichkeitswirksam diskutiert. Nach einer groben Schätzung von Meyer sollen in Deutsch- land zwischen 100.000 und 170.000 Menschen von „pathologischem Glücksspiel“ betroffen sein (Meyer 2007, 112 f.). In der Suchthilfe ist ihr An- teil mit 1–2% der Fälle seit mehreren Jahren relativ konstant, wobei 90% der Betroffenen Männer sind (Sonntag et al. 2007a, 31; 2007b, 59). Besonders diffus ist die Datenlage zur so genann- ten Online- oder Internetsucht, da es hierzu bis heute keine eindeutige, allgemein anerkannte De- finition gibt. Hahn und Jerusalem bezeichnen In- ternetsucht „als eine moderne Verhaltensstörung und eskalierte Normalverhaltensweise im Sinne eines exzessiven und auf ein Medium ausgerichte- ten Extremverhaltens“ (Hahn / Jerusalem 2001, 283). Sie schätzen 3,2% der von ihnen befragten Internetnutzer als internetsüchtig ein und 6,6% als gefährdet. Zugleich scheint es sich vor allem um eine Jugendproblematik zu handeln (Hahn / Je- rusalem 2001, 284 ff.). Grüsser et al. betonen, dass die inadäquate Nutzung des Computers zur Ge- fühls- und Stressregulierung nicht ohne Weiteres als „nichtstoffgebundene Abhängigkeit“ bezeich- net werden kann und dass die Kausalitätsrichtung völlig ungeklärt ist (Grüsser et al. 2005, 21). Zu

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