Handbuch 5. Auflage

Sucht und Rausch 1711 Facheinrichtungen, Nachsorge in Selbsthilfegrup- pen) (Groenemeyer 1999, 224). Die Suchtrehabilitation ist vom inzwischen kritisch hinterfragten „Königsweg“ der stationären Lang- zeittherapie geprägt, die in die so genannte „thera- peutische Kette“ eingebettet ist. Demnach beginnt die Rehabilitation mit der Drogen- oder Sucht- beratung, die zur Entgiftung motiviert, an die sich die Entwöhnungs- bzw. Langzeitbehandlung und die Nachsorge anschließen. Die Langzeittherapie ist in vielen Behandlungsmodellen von einer le- bensweltfernen, rigiden oder gar „totalen“ thera- peutischen Atmosphäre geprägt, die zu einer Ab- grenzung vom bestehenden sozialen Umfeld und zu einer völligen persönlichen, sozialen und oft auch beruflichen Neuorientierung führen soll. An- gesichts der massiven körperlichen Problematik und der zum Teil weit fortgeschrittenen sozialen und psychischen Verelendung von Alkohol- und Heroinabhängigen hat dieses Vorgehen eine ge- wisse Plausibilität (Fredersdorf 1998, 348 f., 360 ff.). Reinl und Stumpp verweisen jedoch da- rauf, dass die Bewältigung derartiger Therapien häufig auf Anpassung und Durchstehen basiert, was im Hinblick auf ihre biographische Nachhal- tigkeit wenig erfolgversprechend ist (Reinl / Stumpp 2000, 151). Aufgrund der geringen Wirksamkeit dieses Reha- bilitationsweges sind seit Mitte der 1980er Jahre andere Konzepte entstanden, die stärker alltags- und lebensweltorientiert ansetzen, die die Eigen- verantwortung und die biographische Perspektive der Betroffenen stärker gewichten und die zu- nächst auf eine Verringerung gesundheitlicher Folge- und Begleitschäden des Substanzkonsums zielen. Zu dem Zweck sollen z. B. in der Arbeit mit Heroinabhängigen Streetwork und niedrig- schwellige Kontaktcafés sozialpädagogische Be- gleitung und Alltagsunterstützung anbieten und Spritzentausch und Konsumräume einen sicheren, risikoärmeren Gebrauch von Drogen ermöglichen (Schneider / Stöver 2000). Langzeittherapien wer- den um Kurzzeittherapien und ambulante Be- handlungsformen, Substitutionsbehandlungen und Programme zur kontrollierten Heroinvergabe er- gänzt, um der Unterschiedlichkeit von Drogen- karrieren gerecht zu werden und die Chancen zur Bewältigung von Suchtproblemen durch Ange- bote einer „lebensweltorientierten Drogenhilfe“ zu erhöhen (Reinl / Stumpp 2000, 156). In ähn- licher Weise gewinnen in der Rehabilitation von Alkoholabhängigen die sozialen und psychosozia- len Faktoren der Abhängigkeit an Bedeutung (Groenemeyer 1999) bzw. wird in der Auseinan- dersetzung mit problematischem Cannabiskon- sum das Anknüpfen an der Lebenswelt und den dort vorhandenen Ressourcen als grundlegend für den Rehabilitationserfolg eingeschätzt (Gantner 2001). Die neueren Entwicklungen im Feld der Suchtre- habilitation bestätigen, dass sich das Suchtproblem als „Bildungsproblem“ begreifen lässt. Suchtver- läufe stellen misslungene und blockierte Entwick- lungsverläufe dar, deren Überwindung als Mo- mente eines biographischen „Bildungsprozesses“ interpretiert werden können (Fredersdorf 1998, 9 f.; Gantner 2001). Die Unterstützung sucht- überwindender Bildungsprozesse erfordert zu- nächst eine „biographische Analyse“, die neben Blockaden, Krisen und Brüchen vorhandene Po- tenziale, Kompetenzen und Ressourcen aufdeckt und die Rehabilitationsangebote an den „subjekti- ven Standort“ der Adressatinnen und Adressaten anpasst (Fredersdorf 1998, 127 f.; Reinl / Stumpp 2000, 152). Suchtrehabilitation zielt damit nicht allein und vorrangig auf Abstinenz oder Änderung des Konsumverhaltens, sondern sie orientiert sich an einem umfassenden, integralen Verständnis von „sozialer Rehabilitation“, bei der über die medizi- nische und psychische Stabilisierung hinaus päd- agogische Begleitung und alltagspraktische Unter- stützungsangebote zur Klärung der materiellen Lebenssituation und zur beruflichen Integration eine wichtige Rolle spielen (Mühlum/ Gödecker- Geenen 2003, 35 f.). Aus einer salutogenetischen und bildungsorientier- ten Perspektive stellen Suchtprävention und Such- trehabilitation Aufgaben dar, bei deren Bearbeitung sozialpädagogische Zugänge und soziale Unterstüt- zungsangebote zur Lebensbewältigung eine zentrale Rolle spielen. Eine scharfe Trennung von (Primär- und Sekundär-)Prävention und Rehabilitation er- scheint dabei wenig hilfreich (Sting 2004b, 233). Die bisher vorliegenden Evaluationsergebnisse zur Suchtprävention zeigen, dass die gegenwärtige Ten- denz zur Verstärkung negativ ausgerichteter, kon- trollierend-repressiver Ansätze (z.B. in der Tabak- prävention) wenig erfolgversprechend ist. Stattdessen sind positive, entwicklungsförderliche Ansätze zu bevorzugen, die auf der selbsttätigen, selbstreflexiven

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