Handbuch 5. Auflage

1710 Sting  Schule. Evaluationen zur suchtpräventiven Wir- kung von Lebenskompetenzprogrammen sind bisher ernüchternd (Quensel 2004, 24 ff.; Peter- mann / Roth 2006, 96). Eine weitere konzeptionelle Orientierung stellt das Konzept der Risikoalternativen dar (Peter- mann / Roth 2006, 135 f.). Aufgrund seiner Erleb- nis- und Aktivitätsorientierung bietet dieser Zu- gang vielfältige Einsatzmöglichkeiten in der Jugendarbeit oder in den erzieherischen Hilfen. Er zielt zum einen auf Handlungsbefähigung und handlungsorientierte Kompetenzen und steht in dieser Hinsicht den Lebenskompetenzprogrammen nahe. Zum anderen geht es umGrenzerprobungen, um das Ermöglichen neuartiger Selbst- und Welt- erfahrungen und um die Vermittlung von Grup- penerlebnissen, was spezifische Funktionalitäten des Substanzkonsums aufgreift (Sting / Blum 2003, 73 ff.). Die Stärke dieses Konzepts ist seine hohe motivationale Komponente durch die Attraktivität der Angebote. Evaluationen zur suchtpräventiven Wirkung sind aufgrund der Breite des Zugangs schwierig; das Konzept scheint u. a. dann Chancen zu bieten, wenn die AdressatInnen in die Planung und Durchführung der Maßnahmen einbezogen werden und wenn der Erwerb von Kompetenzen Teil der Maßnahme ist (Bühler /Kröger 2006, 62). Neben den bisher skizzierten primärpräventiven Konzepten gibt es mittlerweile einige sekundär- präventive Zugänge, die sich vor allem an riskant konsumierende Jugendliche und junge Erwachsene richten. Es handelt sich dabei um Konzepte zur Früherkennung und -intervention sowie um Kon- zepte zur Schadensminimierung. Einerseits geht es dabei um die Intervention bei beginnenden Sucht- entwicklungen, andererseits um die Vermeidung von konsumbezogenen Unfällen und Gesundheits- gefährdungen. Während einzelne Zugänge auf indikatoren- gestützte Screenings und Kontrollen setzen (Schmidt 1998), sind für die Soziale Arbeit vor al- lem Zugänge interessant, die partizipative und selbstreflexive Elemente enthalten. Dazu dienen z. B. Selbsttests zur Einschätzung des eigenen Kon- sumverhaltens (www.drugcom.de) oder Kurzinter- ventionen, die zur Verhaltensänderung motivieren sollen (Marzinzik / Fiedler 2005). Ansätze zur Schadensminimierung („harm reduction“) ent- standen zunächst im Umfeld der Partyszene, um bei drogennahen Szenen und intensiv konsumie- renden Personengruppen Drogenunfälle zu redu- zieren. Es geht dabei um die Vermittlung von Kon- sumregeln und -riten, um konsumbezogenes Erfahrungswissen und um die Reflexion eigener Konsumerfahrungen. Inzwischen haben sich ähn- liche Vorgehensweisen zur Prävention von alkohol- bezogenen Unfällen etabliert. Am meisten verbrei- tet ist das bundesweite Modellprojekt HaLT („Hart am Limit“), das sich gezielt an Jugendliche mit auf- fälliger Alkoholintoxikation richtet und das Hilfs- angebote mit motivierenden Kurzinterventionen zur Reflexion der eigenen Konsumpraxis verbindet (BMG 2008). Eine Verbindung von primär- und sekundärprä- ventiven Zugängen findet sich in Konzepten, die Suchtprävention als Element einer übergreifenden Erziehungs- und Bildungsarbeit begreifen. In diese Perspektive können zum einen Aktivitäten zur Kompetenzförderung sowie zur Konsum- und Ge- nusserziehung einfließen und zum anderen Bestre- bungen zur Reflexion von Konsumerfahrungen und zur Verbreitung konsumbezogenen Wissens. Wieland hat schon vor einigen Jahren im Bereich der Erziehungshilfen für eine explizite „Drogen- erziehung“ plädiert (Wieland 1997). Sturzenhe- cker hat diesen Ansatz für die Jugendarbeit weiter entwickelt und durch eine geschlechts- und sub- stanzspezifische Komponente präzisiert (Sturzen- hecker 2001). Weitere Überlegungen in diese Richtung zielen auf die Vermittlung von „Risiko- kompetenz“, auf eine pädagogische Risikobeglei- tung oder auf eine „Erziehung zur Drogenmündig- keit“ (Franzkowiak / Sabo 1999; Quensel 2004, 252 ff.). In diesen Perspektiven wird deutlich, dass Suchtprävention kein isoliertes Tätigkeitsfeld ist, sondern dass sie einen Bestandteil und eine beson- dere Sensibilität im Rahmen der allgemeinen Er- ziehungs- und Bildungsarbeit darstellt. Im Unterschied zur primären und sekundären Suchtprävention sind die Behandlung und Rehabi- litation bei Suchtproblemen bis heute medizinisch dominiert. Es hat sich ein breit gefächertes System der „Suchtkrankenhilfe“ etabliert, das aus drei Sek- toren besteht: 1. die medizinische Basisversorgung (niedergelassene Ärzte, Allgemeinkrankenhäuser); 2. die psychosoziale und psychiatrische Basisver- sorgung (psychiatrische Krankenhäuser, öffent- licher Gesundheitsdienst); 3. die „Trias der Sucht- krankenhilfe“ im engeren Sinn (ambulante Beratung, stationäre oder ambulante Therapie in

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