Handbuch 5. Auflage

1723 Systemtheorie und Soziale Arbeit Von Tobias Kosellek und Roland Merten Es gibt kaum andere Theorieangebote, die Welt auf eine bestimmte Art und Weise zu beobachten, die in den vergangenen Jahren wissenschaftliche Diskus- sionen in den unterschiedlichsten Fachgebieten so anregten, irritierten und Kontroversen auslösten wie die Systemtheorie. Allerdings referiert der Begriff Systemtheorie bisher keinen eineindeutigen Sinn, was sich in verschiedensten Deutungs- und Anwen- dungsweisen manifestiert (Haselmann 2009, zum inflationären Gebrauch des Systembegriffes kritisch Kosellek 2009). So firmieren unter dem Begriff Systemtheorie in- zwischen unterschiedliche theoretische Ansätze. In den folgenden Ausführungen wird die Systemtheo- rie Luhmann’scher Provenienz zugrunde gelegt, weil es sich einerseits bei ihr um die tiefenschärfste und am besten entfaltete Systemtheorie handelt, die nicht nur auf klassisch makrosoziologische Themen wie Wirtschaft und Recht anwendbar ist, sondern auch mikrosoziologische Themen zu be- arbeiten erlaubt (z. B. aktuell zum Thema Liebe Luhmann 2008 oder zu Freundschaft Kersten 2009). Es handelt sich bei der Systemtheorie Luh- manns um eine Theorie mit universalistischem An- spruch, d. h. „… dass sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte… Theorien mit Universalitätsanspruch sind leicht daran zu erkennen, dass sie selbst als ihr eigener Gegenstand vorkommen… Theorien mit Univer- salitätsanspruch sind also selbstreferentielle Theo- rien“ (Luhmann 1987, 9 f.). Andererseits erfolgt die Entscheidung für Luhmanns Systemtheorie, weil sie diejenige Theorie ist, die aktuell auf die Theorieentwicklung der Sozialen Arbeit den größ- ten Einfluss ausübt. Diese Wirkung hat sich in drei Wellen vollzogen: Zunächst lassen sich Mitte der 1970er Jahre die ersten systemtheoretischen Be- stimmungsversuche der Sozialen Arbeit verzeich- nen (Luhmann 1973; Harney 1975), denen Mitte der 1980er zwei umfangreichere Arbeiten folgen (Japp 1986; Olk 1986). Eine breitere fachdiszipli- näre Debatte hat sich jedoch erst ab Mitte der 1990er Jahre entwickelt, angestoßen durch eine Arbeit Dirk Baeckers (Baecker 1994; Merten 1997; Weber /Hillebrandt 1999; Bommes / Scherr 2000). Mit dem systemtheoretischen Ansatz Luhmanns war und ist zugleich eine gesellschaftstheoretische Bestimmung der Sozialen Arbeit in der modernen Gesellschaft verbunden. Struktur und Funktion Um eine solche gesellschaftstheoretische Verortung der Sozialen Arbeit vornehmen zu können, bedarf es vorab einer genauen Bestimmung, was das Mo- derne der modernen Gesellschaft ausmacht. Dies lässt sich durch einen Vergleich der Systemtheorie Talcott Parsons mit der Niklas Luhmanns verdeut- lichen. Während Parsons danach fragt, welche Strukturen eine Gesellschaft ausbildet, die für ihren Bestand unverzichtbar sind und welche Funktio- nen sie damit erfüllt (strukturell-funktionale Theo- rie), stellt Luhmann diese Frage genau umgekehrt: Welche Funktionen werden in der Gesellschaft be- dient und welche Strukturen haben sich hierzu herausgebildet (funktional-strukturelle Theorie). Dadurch wird es möglich, die besondere Struktur- bildung als kontingent zu betrachten und zu pro- blematisieren. Kontingenz bedeutet in diesem Zu- sammenhang, dass die konkrete Strukturbildung weder notwendig noch unmöglich ist. So kann die Funktion Bildung in höchst unterschiedlichen Strukturen erbracht werden: Hauslehrersystem, mehrgliedriges Schulsystem, Einheitsschulsystem etc. Die Entscheidung für eine bestimmte Form könnte jeweils auch anders ausfallen. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art161, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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