Handbuch 5. Auflage

1738 Flösser · Rosenbauer · Witzel  Während der Bedarf an sozialen Dienstleistungen, insbesondere im Bereich der erziehenden, kontrol- lierenden und fördernden Leistungen steigt, wer- den die professionellen Entscheidungen des Einzel- falls zuGunsten zentraler Eingriffslogiken reduziert. Der Steuerungsanspruch im aktivierenden Sozial- staat manifestiert sich in „seinen“ Sozialen Diens- ten dabei – in so unterschiedlichen Bereichen wie Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik – in einer Evidenzbasierung (Schönig 2006, 33), womit sich auch Veränderungen der Berufsrolle von Fachkräf- ten in Sozialen Diensten verbinden. Bislang fa- vorisierte Instrumente der Beratung, Betreuung, Unterstützung und Hilfeplanung werden sukzes- sive durch Instrumente wie Assessment (im Sozial- amt), Profiling (im Job Center), Hilfekontrakte und -vereinbarungen und Fallmanagement ersetzt oder ergänzt. Case- und Care-Management mit eingebauten Controllingmechanismen als neue so- ziale Dienstleistungsstrategie, der Grundsatz „För- dern und Fordern“ soll das Schnittstellenmanage- ment zwischen Sozialstaat und Einzelfall sicherstellen (Dahme /Wohlfahrt o. J., 5). Mit sol- chen Instrumenten und einer instrumentell-strate- gischen Rationalisierung und Technologisierung Sozialer Dienste wird zudem ein Berufshabitus des „Sozialtechnikers“ oder der „SozialingenieurIn“ wahrscheinlich. Verbunden mit solchen Steuerungslogiken sind zudem Veränderungen in der Interaktion mit den Adressaten sozialer Dienstleistungen. Die Erbrin- gung sozialer Dienstleistungen wird von einem ge- meinsamen Akt der Fachkräfte und des Klienten in der Interaktion stärker auf eine Aktivierung des Klienten verlagert, so dass dieser zur Problemlö- sung zunehmend auf sich selbst verwiesen wird. Ihm werden im Rahmen der organisatorischen Kategorisierungs- und Bearbeitungsprozesse nicht nur tendenziell Defizite zugeschrieben, sondern zugleich die Verantwortung für die Bearbeitung übertragen. Die zu beobachtenden Verschiebungen einer sukzessiven Delegation von Verantwortung für die eigene Daseinsvorsorge auf den Einzelnen kann sich in Sozialen Diensten mit moralisch-nor- mierenden professionellen Handlungsmustern koppeln (Kessl /Otto 2002), und Techniken der Problembearbeitung und Methoden, die in Sozia- len Diensten gewählt werden, müssen zwar mit dominanten kulturellen und institutionellen Logi- ken kompatibel sein, allerdings sind diese für So- ziale Dienste auch als eine symbolische Politik möglich. Es ist nicht davon auszugehen, dass diese Umstrukturierungen von den Fachkräften einfach umgesetzt werden (bspw. zum Qualitätsmanage- ment Herrmann 2007), ebenso widerstrebt ein umfassender und sanktionsbewehrter Aktivierungs- begriff dem Selbstverständnis vieler Sozialer Dienste. Es ist hier vielmehr von Brüchen und Widerständigkeiten auszugehen, ebenso von Klien- tInnen, die ein eigenes Selbstverständnis gegenüber der Verfügungsgewalt von Trägern verteidigen (etwa Ames 2009). Veränderte Logiken der Gestaltung sozialer Siche- rung sind in ihren Auswirkungen keineswegs nur auf eine der benannten Ebenen Sozialer Dienste zu beziehen, sondern erfordern einen analytischen Blick auf deren spezifisches Zusammenwirken. Vielversprechende Perspektiven für eine Theorie- bildung Sozialer Dienste bieten neben neoinstitu- tionalistischen Überlegungen Ansätze der politi- schen Ökonomie sowie kritische und feministische Theorien, da diese zudem die Diversität innerhalb von Organisationen mit in den Fokus rücken. Ins- besondere mit Blick auf das Wechselverhältnis der angesprochenen Ebenen Sozialer Dienste liegt ein Bezug auf strukturationstheoretische Überlegun- gen nahe: Hierbei geraten Dienstleistungen aus Perspektive der Organisation als mesosoziologische Analyseebene zwischen der Mikroebene der Inter- aktion und der Makroebene gesellschaftlicher Ord- nungen und Konflikte in den Blick. „Dann aber ist von der Dienstleistung einiges für das Verständnis gesellschaftlicher Arbeit und Produktion insgesamt zu lernen. Sie zwingt uns ganz unvermeidlich, den Blick auf Prozesse statt Produkte zu richten: auf die soziale Konstruiertheit und die fortlaufende soziale Konstruktion von Erwartungen und Ressourcen, auf die institutionelle Einbettung wirtschaftlichen und organisierten Handelns und deren strategische Aktualisierung, und auf die Wechselwirkungen zwischen sozialem, institutionellem und organisa- tionellem Wandel“ (Holtgrewe 2005, 53).

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