Handbuch 5. Auflage
Theorie Sozialer Dienste 1737 Interpretationsrahmen gerahmt sind, die formelle oder informelle Standards für Leistungen, für sym- bolische Repräsentation und Transparenz setzen. Zum anderen werden in den Interaktionen zwischen Beschäftigten und Klientel Dienste und Leistungen auf der Mikroebene ausgehandelt, spezifiziert und bewertet im Sinne einer uno actu mitgelieferten Symbolik und Inszenierung von Organisationen (Holtgrewe 2005). Eine Gemeinsamkeit Sozialer Dienste liegt jedoch darin, dass die Leistungsnehme- rInnen dem jeweiligen Leistungsgeber aufgrund ei- ner zugesprochenen Fachautorität – wenngleich in sehr unterschiedlichem Maße – Verfügungsrechte über die eigene Person übertragen, was für die Leis- tungserbringung funktional ist, gleichzeitig Inter- aktionsprobleme konstituieren kann. „Denkt man den Kunden mit – oder macht ihn gar zur normati- ven Autorität der Leistung –, so sind Analysen von Arbeit und Organisation nur als triadische zu den- ken: Sie müssen die Beschäftigten, die Organisation und den Kunden in den Blick nehmen und ihre Wechselbeziehungen beleuchten“ (Jacobsen/Vos- winkel 2005, 9), wobei durch die kulturelle und in- stitutionelle Prägung vielschichtige Relationen der Macht, Herrschaft und Kontrolle im Sinne eines Netzes aus Handlungen, Strategien und Wechsel- wirkungen in dieses Dreieck eingelassen sind. Neuere Entwicklungen und Theorieoptionen Aufgrund der aktuellen Veränderungen der sozial- und wohlfahrtsstaatlichen Kontextbedingungen, in denen insbesondere die Grundideen eines ak- tivierenden Sozialstaats weite Verbreitung gefun- den haben, zeichnen sich auf den unterschiedli- chen Analyseebenen Irritationen, Reformdruck und neue Herausforderungen für die Sozialen Dienste ab. Zu beobachten sind das Entstehen neuer Gover- nancestrukturen, die auf eine geänderte Verantwor- tungsteilung zwischen Staat, intermediären Instan- zen, dem Markt und den Bürgerinnen und Bürgern abzielen. Für die Produktion Sozialer Dienste zeich- nen sich Restrukturierungen klassischer korporatis- tischer Politikmuster in Richtung eines radikalisier- ten „Wohlfahrtspluralismuses“ ab, in dem die Koordination und Organisation öffentlich erbrach- ter und finanzierter Dienstleistungen so (um-)ge- staltet werden soll, dass eine effizientere Verteilung der Aufgaben auf die Leistungserbringer (auf öffent- liche und freie Träger sowie private Haushalte) er- reicht wird. Die strategische Umorientierung zielt dabei auf eine Optimierung des Zusammenspiels aller AkteurInnen, wobei Markt undWettbewerb als rationalitätssichernde Koordinationsmodi gelten, die eine optimale Allokation und Nutzung von Res- sourcen ermöglichen (Otto/Schnurr 2000, 5). Für Soziale Dienste erhalten marktförmige Prinzipien mithin den Status von legitimitätssichernden Merk- malen einer rationalen Gestaltung erstens auf der Ebene der interorganisatorischen Steuerung von Diensten im Sozialsektor (durch die Inszenierung von Wettbewerb und Konkurrenz von Leistungs- erbringern untereinander) und zweitens im Hinblick auf innerorganisatorische Strukturen (wie bspw. im Kontext der Einführung Neuer Steuerungsmodelle). Neue Governancestrukturen wirken auf die Sozialen Dienste im Rahmen ihrer wohlfahrtsstaatlichen Eingebundenheit ein und konfrontieren diese mit veränderten Logiken – wie Aktivierungsstrategien und Wettbewerbsorientierung – der Gestaltung so- zialer Sicherung auf allen benannten Ebenen (Dahme/Wohlfahrt o.J.; Flösser/Vollhase 2006). Aus der fiskalischen Krise des Wohlfahrtsstaates und dem sozialstaatlichen Wandel resultieren ebenfalls Konsequenzen für die Möglichkeiten der professio- nellen Ausgestaltung von Sozialen Diensten. Wird die Steuerung von Organisationen zunehmend nach Mechanismen des Marktes ausgerichtet, tritt die professionelle Problembearbeitung tendenziell in den Hintergrund. Im Bezug zu ihrer institutionellen Umwelt verändern sich damit auch die jeweiligen Bezugspunkte der Legitimität für die Sozialen Dienste („von der professionellen Leistung zur effi- zienten/effektiven Leistung“). Eine marktförmige Steuerung Sozialer Dienste richtet sich dabei ver- stärkt auf die Auseinandersetzung von In- und Out- come und unterwirft sich einer „Außensteuerung durch externe Stakeholder“ (Heinze 2009, 75). Der politische Preis ist der gleichzeitige Verlust von Handlungsautonomie der SozialenDienste (Schönig 2006, 32). Angesichts einer verstärkten Logik der Außensteuerung können professionelle Organisatio- nen als Reaktion bspw. Strategien des (partiellen) Rückzugs entwickeln, in zentrale und hierarchische Steuerungsformen zurückkehren oder eher dysfunk- tionale Mischformen der Organisation der Dienst- leistungen entwickeln.
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