Handbuch 5. Auflage
1741 Theorie und Theoriegeschichte Sozialer Arbeit Von Cornelia Füssenhäuser und Hans Thiersch Über die Aufgabe und Funktion von Theorie und Theorien Sozialer Arbeit zu sprechen, ist komplex, da die Frage nach der Theorie bzw. den Theorien der Sozialen Arbeit durchaus widersprüchlich dis- kutiert wird und die Fachdiskussion verstärkt seit den 1970er Jahren begleitet. Dennoch ist fest- zuhalten, dass sich die Disziplin wie die Profession Sozialer Arbeit insbesondere seit den 1970er Jahren stabilisiert und differenziert entwickelt haben. Diese „Normalisierung der Sozialpädagogik bzw. der Sozialen Arbeit“ zeigt sich – zumindest impli- zit – sowohl in der Prämisse einer Konsolidierung der Sozialpädagogik (Lüders /Winkler 1992; Rau- schenbach 1999) als auch in jenen Ortsbestim- mungen der Sozialpädagogik, die diese als lebens- laufbegleitendes Medium der Sozialintegration zunehmend in die Mitte der Gesellschaft stellen (Böhnisch 2001; Böhnisch / Schröer 2005). Eine solche Entwicklung ist sowohl für die Profession (Expansion des sozialen Feldes, Differenzierung von Praxis und Ausbildung) als auch für die Dis- ziplin und Disziplinpolitik (Ausbildung an „meh- reren Orten“, Gründung und Etablierung einer wissenschaftlichen Vereinigung sowie von Fach- organen und Tagungen, Vielfalt der entsprechen- den Publikationen) festzustellen (Füssenhäuser 2005; Rauschenbach / Züchner 2005; Thiersch 2005; Schweppe / Sting 2006). Die Konsolidierung der Profession im 20. Jahrhun- dert charakterisiert Michael Galuske (2002) mit folgenden Stichpunkten: Zentrales Kennzeichen der Entwicklung im 20. Jahrhundert war die zuneh- mende Institutionalisierung, Verrechtlichung und gleichzeitige Ausdifferenzierung der Sozialen Arbeit und ihrer zentralen Handlungsfelder. Gleichzeitig kam es zu einer Ausweitung der Zuständigkeiten hinsichtlich der Adressat(inn)en Sozialer Arbeit. So- ziale Arbeit entwickelte sich von den Rändern und der Fokussierung auf soziale Probleme zu einer mo- dernen Dienstleistungsprofession, die als „Regelan- gebot“ das Hineinwachsen in die Gesellschaft be- gleitet bzw. institutionell abfedert und sich so zu einem „Leistungsangebot für alle“ (Thiersch 2005) entwickelt. V.a. aber kam es neben der faktischen Expansion und Ausdifferenzierung zu verstärkten Prozessen der empirisch gestützten Selbstbeobach- tung und zu einem verstärkten Interesse an einer „empirisch und gesellschaftstheoretisch aufgeklärten Theoriediskussion“ (Galuske 2002, 4). Diese Entwicklung wurde im Bild des „sozialpäd agogischen Jahrhunderts“ gefasst. Dieses Bild wurde häufig genutzt, um „Aufstieg“ und Konturierung der historisch und im Vergleich z. B. zur Schulpäd agogik betrachtet jungen Disziplin Sozialpädagogik zu beschreiben, v.a. aber um ihre zunehmende Kon- solidierung und gesellschaftliche Normalisierung herauszustellen (Füssenhäuser 2005; Rauschenbach 1999; Thiersch 2005; Thole 2005a, 2005b). Un- strittig ist hierbei sicherlich, dass sich die Soziale Ar- beit im zurückliegenden 20. Jahrhundert zu einem differenzierten Praxis- und Theoriefeld entwickelt hat und zunehmend als ein unverzichtbares gesell- schaftliches Teilsystem verstanden wird. Moderne Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass es spezi- fische Organisationen und Professionen gibt, die soziale Desintegrationsprozesse und individuums- bezogene Exklusionen thematisieren und diese le- bensweltlich bearbeiten (Böhnisch /Schröer 2005; Böhnisch et al. 2005; Kleve 2003). Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich die Soziale Arbeit einer- seits zu einem gesellschaftlichen Allgemeinangebot entwickelt. Andererseits ist sie weiterhin diejenige Institution, die gesellschaftlich verursachte Desinte- grationsprozesse abzufangen hat (Thole 2005b, 46f.). Diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte einer Expansion und Ausdifferenzierung sozialpädagogi- scher Aufgaben und Institutionen, die in ihren Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art163, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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