Handbuch 5. Auflage

1742 Füssenhäuser · H. Thiersch  Intentionen und Potenzialen sicher noch nicht an ihr Ende gekommen ist, wird seit einigen Jahren zu- nehmend infrage gestellt. Überwiegen derzeit nicht Tendenzen, die erkennen lassen, dass sich die Soziale Arbeit unter verstärkt ökonomischem und gesell- schaftlichem Druck befindet und nach einer Phase der Expansion in eine Phase des Abbaus, zumindest aber des Umbaus, geraten ist? Kommt nicht die Gefahr einer Instrumentalisierung der Sozialen Ar- beit hinzu, wie sie durch die wachsende Bedeutung ökonomischer und betriebswirtschaftlicher Kon- zepte, der Neuorganisation sozialer Dienste und der Infragestellung des „Sozialen“ angezeigt wird (vgl. hierzu z.B. die Diskussion einer evidenzbasierten Theorie wie Praxis (Otto et al. 2009)? Genereller ist darüber hinaus zu fragen, wie es ge- lingen kann, soziale Gerechtigkeit und lebenswelt- liche Bewältigungsorientierung als Kernprinzipien einer den Menschen zugewandten Sozialen Arbeit in Zukunft zu sichern. Soziale Arbeit steht heute vor vielfältigen Aufgaben und Herausforderungen. Prozesse der Biografisierung, der Globalisierung und der Ökonomisierung, der Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft und die damit einhergehende Spaltung der Gesellschaft schwächen die Integrati- onskraft des Sozialstaats. Soziale Probleme als öf- fentliche Aufgabe werden dethematisiert und pri- vatisiert. Soziale Arbeit ist dabei sowohl „zwischen Staat und Markt“ als auch zwischen dem Anspruch von sozialer Gerechtigkeit und Aufgaben der Le- bensbewältigung angesiedelt. Gleichzeitig bewegt sie sich zwischen öffentlicher Verantwortung und professionell unterstützten Bürgeraktivitäten und benötigt verlässliche materielle und rechtliche Ab- sicherung durch politische wie institutionelle Rah- mungen. Vor diesemHintergrund scheint es problematisch, wie Teile der Profession bzw. Praxis sich vorder- gründig v. a. auf die Praktikabilität von Metho- denkonzepten stützen und sich auf Fragen der Qualitätsstandards und Qualitätskontrollen kon- zentrieren. Gleichzeitig zeigt sich in der diszipli- nären Debatte eine gewisse Differenz in Bezug auf den genuinen Gegenstand und die disziplinäre Zuordnung der Sozialen Arbeit. Zudem wird im- mer wieder gefragt, ob und inwieweit vorhandene Theoriepositionen den geltenden Anforderungen an Theorie genügen. Vor allem aber wird immer wieder vor dem Hintergrund eines allgemeinen postmodernen Zweifels an den „großen Erzäh- lungen“ (Lyotard 2009) die Frage gestellt, ob eine Theorie der Sozialen Arbeit überhaupt möglich sei. Lyotard zufolge tritt – und so zeigt sich auch der Theoriediskurs der Sozialen Arbeit – an die Stelle der „großen Erzählungen“ eine Vielfalt von Diskursen bzw. von „isolierten Sprachspielen“, die sich mit je eigenen Regeln der Konstitution von Aussagen verbinden und mit eigenen Krite- rien der Rationalität und Normativität einher- gehen (Lyotard 2009). Diese neueren Entwicklungen aber heben nicht auf, dass sich die Theoriediskussion der Sozialen Arbeit in ihrem Selbstverständnis konsolidiert und differenziert. Das wird u. a. darin deutlich, dass sich unterschiedliche Theoriepositionen (wie z. B. die Alltags- und Lebensweltorientierung, die Le- bensbewältigungstheorie, die ökosoziale Theorie, die system(ist)ische Soziale Arbeit, die reflexive Sozialpädagogik) etabliert haben (Thole 2005a, May 2009). Deutlich wird dies aber auch in der damit einhergehenden Professionalisierung und Institutionalisierung der fachlichen Diskussion, der öffentlichen Selbstdarstellung (z. B. in den Ju- gendberichten) oder in der Akademisierung und Differenzierung der Ausbildung. Von daher kon- statieren wir, dass sich seit den 1980er Jahren und insbesondere seit der Wende zum 21. Jahrhundert die Diskussion unterschiedlicher Positionen deut- lich intensiviert hat und diese zunehmend auch in ihrer wechselseitigen Provokation genutzt wird. Im Anschluss an die eingangs formulierten Über- legungen soll diese These noch einmal pointiert werden. Insgesamt wird der Sozialen Arbeit im Blick auf ihre Entwicklung seit den 1980er Jahren Normalisierung attestiert (Füssenhäuser /Thiersch 2005; Lüders /Winkler 1992; Rauschenbach 1999). Die Prämisse der Normalisierung muss jedoch in sich differenzierend betrachtet werden: Einerseits steht für die Etablierung und Differen- zierung der Arbeitsfelder und deren Akzeptanz als Moment moderner sozialer Infrastruktur wie für die Etablierung der Ausbildungsgänge im Hoch- schulbereich und der Institutionalisierung des Wissenschaftsbetriebs die These der Normalisie- rung außer Frage (Rauschenbach 1999). Umstrit- ten ist aber (Mührel / Birgmeier 2009a; Neu- mann / Sandermann 2009b; Winkler 2009), ob sich zwischenzeitlich auch der Theoriediskurs normalisiert hat. Der Erfolg der Praxis mache theorieunwillig, ja theorieunfähig (Neumann /

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