Handbuch 5. Auflage
175 Berufs- und Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit Von Thomas Rauschenbach und Ivo Züchner Soziale Berufe sind der beruflich-personelle Aus- druck der Sozialen Arbeit. In ihrer Zusammenset- zung aus unterschiedlichsten Qualifikations profilen sind soziale Berufe zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus dem Arbeitsmarkt, insbeson- dere aus dem Segment der personenbezogenen so- zialen Dienstleistungsberufe, der „Dienste am Menschen“, nicht mehr wegzudenken. Mit mitt- lerweile bundesweit mehr als 1,6Mio. Beschäftig- ten (2008) sind die sozialen Berufe nicht nur längst ein eigener Teilarbeitsmarkt – eine eigene Bran- che – geworden, vielmehr gehören sie auch mit zu den stärksten Wachstumsberufen der letzten Jahr- zehnte. Der Zuwachs von 781.000 Erwerbstätigen im Jahre 1991 auf 1,6Mio. erwerbstätige Personen im Jahr 2008 entspricht immerhin einer Verdoppe- lung der Erwerbstätigenzahl. Während der Anteil der sozialen Berufe an allen Erwerbstätigen 1991 noch bei rund 2% lag, stieg dieser bis 2008 auf über 4% (Statistisches Bundesamt 1992; 2009). Aber auch innerhalb des Ausbildungssystems spielt die Gruppe der sozialen Berufe mit ihren sozialpäd agogischen, sozialarbeitsspezifischen und sozial- pflegerischen Ausprägungen längst eine nicht mehr zu vernachlässigende Rolle, seien es die Hochschul- studiengänge im Kontext der Sozialen Arbeit mit mehr als 10.000 Neuausgebildeten pro Jahr, seien es die Erzieher / -innen und die Kinderpfleger / -in- nen mit zusammen weit über 20.000 Examinierten oder die Altenpfleger / -innen mit ebenfalls über 15.000 Examinierten pro Jahr (BMBF 2009). In der Summe heißt das, dass sich – über die etwa 45.000 Studierenden an den Universitäten und Fachhochschulen hinaus – gegenwärtig allein fast 100.000 junge Menschen in einer beruflichen Aus- bildung zum/ zur Erzieher / -in, Kinderpfleger / -in, Sozialassistenten / -in oder Altenpfleger / -in befin- den (dazu auch BMBF 2009, 196). Diese Größen- ordnungen verdeutlichen ebenfalls den inzwischen erreichten Stellenwert der sozialen Berufe in der ge- samten Ausbildungslandschaft. Und mit Blick auf die Zukunft des bundesdeutschen Arbeitsmarktes bescheinigen aktuelle Zukunftsprognosen diesem Teilarbeitsmarkt weiterhin wachsende Bedarfe (Autorengruppe Bildungsbericht 2010), so dass soziale Berufe auch weiterhin Zukunftsberufe sein werden. Das war nicht immer so. Die sozialen Berufe ge- hören in vielen Spielarten eher zu einer Gruppe von Berufen jüngeren Datums. Vor allem in ihren hochschulischen Ausbildungsvarianten haben sie noch nicht einmal ein halbes Jahrhundert eigener Geschichte hinter sich. Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung und Entwicklung der Berufe der Sozialen Arbeit Gegenstand der nachfolgenden Ausführungen. Im Ergebnis handelt es sich dabei um ein Zusammenspiel aus fachlichen Diskussio- nen, vielfältigen partikularen, feld- und trägerspe- zifischen Aktivitäten, allgemeinen Reformen des Hochschulsystems sowie dem Wandel gesellschaft- licher Bedarfslagen und damit einhergehender Stimmungslagen. Dies soll im Folgenden in Grund- zügen nachgezeichnet werden. Hierbei stehen we- niger historische Details als vielmehr die dahinter- liegenden Entwicklungslogiken im Vordergrund. Da es eine Geschichte des Arbeitsmarkts für soziale Berufe bis heute nicht gibt, ist in diesem Zusam- menhang nach wie vor ein Zugang über die Ausbil- dungsgeschichte grundlegend (ausführlich Amthor 2003). Dabei lassen sich zunächst die frühen Aktivi- täten einer Verberuflichung der Sozialen Arbeit durch die einsetzenden Bemühungen um geregelte Ausbildungen skizzieren, um danach die lang an- haltende Phase der akademischen Etablierung zweier Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art014, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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