Handbuch 5. Auflage

176 Rauschenbach · Züchner  zentraler Entwicklungslinien bis zum Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre in den Blick zu nehmen. Anschließend gilt es, die Etablierung an den Hochschulen selbst nachzuzeichnen. Und schließlich wird die Berufs- und Professions- geschichte der Sozialen Arbeit unter zwei spezi- fischen Perspektiven beleuchtet: erstens unter der Perspektive der sozialen Berufe als Frauenberufe, zweitens unter der Perspektive der Professionalisie- rung der Sozialen Arbeit insgesamt Von der „organisierten Nächstenliebe“ zum Beruf Anfänge beruflicher Ausbildungen Die Verberuflichung der Sozialen Arbeit blickt mit den im 19. Jahrhundert einsetzenden Bemü- hungen und ersten Anfängen von Ausbildungen und Qualifizierungskursen auf eine inzwischen mehr als 150-jährige Entwicklung zurück. Auch wenn die Ursprünge und Anfänge einer sich kon- stituierenden Sozialen Arbeit in einem engen Zu- sammenhang mit der Industrialisierung sowie der generellen Entwicklung einer Wohlfahrts- und Sozial(versicherungs)politik gesehen werden müs- sen (Mollenhauer 1959; Münchmeier 1981; He- ring /Münchmeier 2003), so greift sie in ihren Zielsetzungen und Handlungsprinzipien dennoch zugleich auf eine noch längere Geschichte der Hilfe und Unterstützung von Bedürftigen, der Erziehung und Betreuung der nachwachsenden Generation zurück. Die Sorge um Benachteiligte und Unterprivile- gierte, um die nachwachsende Generation und dabei insbesondere um Kinder aus armen Verhält- nissen – also die Unterstützung Hilfsbedürftiger auf der einen und Erziehungsbedürftiger auf der anderen Seite – ist gleichwohl deutlich älter als der Versuch, diese Aufgaben und Herausforde- rungen mithilfe von Berufstätigen – zumal eigens dafür Ausgebildeten – zu bearbeiten (Scherpner 1966). Selbst nach der Gründungsphase der spä- teren großen Wohlfahrtsorganisationen sowie den ersten Anfängen eines staatlichen Fürsorgewesens haben sich noch lange Zeit Menschen ganz unter- schiedlicher Herkunft und vielfach ohne spezielle Vorbildung mit Fürsorge, sozialer Hilfe bzw. dem sozialen Bedarfsausgleich beschäftigt (Sachße 1994; Kaiser 2008). Trotzdem ist es in einem Pro- zess von mehreren Jahrzehnten – unterbrochen und befördert durch zwei Weltkriege – zur Etab- lierung der beruflichen Sozialen Arbeit und mehr als ein Jahrhundert später zur Konstituierung ei- nes akademischen Berufsbildes gekommen, das in seiner Quersumme mittlerweile als ein breit ak- zeptiertes Qualifikationsprofil angesehen werden kann. Ein grundlegendes Element dieser Entwicklung war das Aufkommen eines pädagogisch-sozialen Diskurses, einer sozialpädagogischen Idee und ei- ner Neuformulierung des sozialen Hilfegedan- kens. Der Übergang von der klassischen Armen- fürsorge im Sinne einer Almosenkultur sowie einer vormodernen Mentalität des Erziehens hin zu der Vorstellung, dass Menschen veränderbar sind, dass Erziehung und Bildung zumindest An- satzpunkte zur Überwindung eines herkunfts- abhängigen Schicksals und zur individuellen Be- arbeitung sozialer Probleme bieten können, waren dabei wesentliche Grundvoraussetzungen zur Konstitution einer Sozialpädagogik (Gedrath 2003, 18). Dieses neue Denken hat zweifellos auch zu vielen, teilweise schmerzvollen Versuchen der Beeinflussung, Kontrolle und Außensteue- rung von Zöglingen, Hilfsbedürftigen und Armen geführt (zur Debatte um Sozialdisziplinierung auch Peukert 1986). Es markiert zugleich aber auch den Anfang gezielter pädagogischer Zuwen- dung und Unterstützung durch staatliche oder zivilgesellschaftliche Akteure, die sich nicht nur auf die Versorgung und Verwaltung von Kindern, Jugendlichen und Menschen in Not, sondern auch um deren Weiterentwicklung, Förderung und Selbstveränderung bemühte. Getragen von privaten Initiativen etablierten sich Anfang bzw. Mitte des 19. Jahrhunderts – vorerst noch lokal gebunden – erste Qualifikations- und Ausbildungsformen: allen voran auf der einen Seite die Kindergärtnerinnenausbildung, die Vorläufer- ausbildung der heutigen Erzieher(innen)ausbil- dung, sowie Ausbildungen im Umfeld der Heim- erziehung auf der anderen Seite. Hinzu kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ausbildungen der Fürsorgerinnen und der Jugendleiterinnen, die sehr viel später – Ende der 1950er Jahre – durch die beiden getrennten Ausbildungen in Sozialarbeit und Sozialpädagogik an Höheren Fachschulen ab-

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