Handbuch 5. Auflage
1755 Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit Von Cornelia Füssenhäuser Problemstellung Die Theoriediskussion ist geprägt durch das Ne- beneinander unterschiedlicher theoretischer Posi- tionen. Dabei kennzeichnen eine Pluralität von Theorien (Theorienpluralismus) und eine zuneh- mende Selbstreferentialität die Fachdiskussion ( → Füssenhäuser /Thiersch, Theorie und Theorie- geschichte Sozialer Arbeit). Ein solcher Theorien- pluralismus kann im Anschluss an Mittelstraß und Stichweh als Indikator für eine entwickelte sozial- wissenschaftliche Disziplin und die Normalisierung der Theoriedebatte verstanden werden (Mittelstraß 1996, 282; Stichweh 1994). Charakteristisch für den Theoriediskurs der Sozialen Arbeit ist insofern nicht eine vereinheitlichende Theorie, sondern ein Netz von Kommunikationen zwischen den unter- schiedlichen Theoriepositionen. In diesem sollten ebenso die Eigenheiten wie die Unterschiedlich- keiten aufeinander bezogen und in ihren Wider- sprüchen, Herausforderungen, aber auch Ergän- zungsperspektiven erkennbar werden. Schließlich sollten auch jene Gemeinsamkeiten in Grund- annahmen und Intentionen deutlich werden, die, jenseits unterschiedlicher Voraussetzungen und Theoriesprachen, der Gemeinsamkeit der Aufgabe und den Herausforderungen in der gegebenen ge- sellschaftlichen Situation geschuldet sind. In diesem Kontext gehe ich davon aus, dass es sinn- voller und der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu einer „reflexiven Moderne“ angemessener ist, möglichst viele alternative Überlegungen in den wissenschaftlichen Diskurs mit einzubeziehen und diese nicht durch methodologische Einschränkun- gen und ein Einheitsparadigma zu begrenzen ( → Füssenhäuser /Thiersch, Theorie und Theorie- geschichte Sozialer Arbeit; Thole 2005; May 2009). Ein solcher Zugang erscheint auch sinnvoll, da die Soziale Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf Grund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbe- dingungen vor einem erhöhten disziplinären Klä- rungsbedarf steht, der sich aus der Vielfalt der theoretischen Diskurse sowie der zunehmenden ar- beitsfeldbezogenen Differenzierung des Feldes so- wie – im Kontext des Bolognaprozesses – der Stu- diengänge ergibt. So weisen folgende Stichworte auf soziale Probleme bzw. gesellschaftliche Ent- wicklungen mit einer hohen Bedeutung für die sozialstaatlichen und sozialen Dienstleistungen hin: Globalisierung, Europäisierung, Flexibilisie- rung der Arbeit, wachsende soziale und ökonomi- sche Ungleichheiten, technologischer Wandel, ge- sellschaftliche Mobilisierung, Individualisierung, Pluralisierung, demografischer Wandel. Kristallisationspunkte der Theoriebildung Welche Grundstruktur und Funktion hat nun aber eine Theorie Sozialer Arbeit? Allgemeine Definitio- nen wie die von Mittelstraß, „daß Erklärung und Prognose Ziele der Aufstellung von Theorien sind“ (Mittelstraß 1996, 266) tragen nur wenig zur Klä- rung bei. Hilfreicher scheint mir hingegen an die im Beitrag von Füssenhäuser und Thiersch ge- nannte Unterscheidung Theorie als theoretischer Diskussion und Theorie der Sozialen Arbeit im enge- ren Sinn anzuschließen ( → Füssenhäuser /Thiersch, Theorie und Theoriegeschichte Sozialer Arbeit). Theorien der Sozialen Arbeit im engeren Sinn zie- len auf eine Klärung des Status der Sozialen Arbeit, auf die Beschreibung und Klärung ihres Gegen- standsbereichs und ihrer Funktion(en), auf ihre Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art164, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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