Handbuch 5. Auflage
1756 Füssenhäuser geschichtliche Selbstvergewisserung und die Positi- onierung gegenüber anderen Disziplinen und dem Bereich der professionellen Praxis. Sie entwerfen dabei ein spezifisches, in sich (möglichst) konsis- tentes System. Theorien der Sozialen Arbeit klären dabei den spezifischen Standpunkt der Professio- nellen der Sozialen Arbeit. Theorien der Sozialen Arbeit übernehmen in diesem Kontext auch die Funktion, die Komplexität von sozialen Lagen und / oder Fällen zu erfassen sowie wieder so zu re- duzieren, dass Handlungsfähigkeit hergestellt wird, sowie die Kontextualität des Falls gewährt bleibt. Sie sollten in der Lage sein, die Komplexität der Lebenslagen und Problemsituationen von Men- schen zu erfassen, die Verbindung zwischen sub- jektiven und sozial-gesellschaftlichen Bedingungen abzubilden und die Alltagstheorien der Professio- nellen zu reflektieren. Vor diesem Hintergrund ist eine zweifache Strate- gie zu verfolgen: Erstens wird, vor dem Hinter- grund modernisierungstheoretischer und gesell- schaftlicher Veränderungen, die Frage nach dem gesellschafts- und fachtheoretischen Beitrag der Disziplin wie auch der Profession immer wichtiger. Zweitens erscheint es produktiv, bereits vorliegende Theorien Sozialer Arbeit in ihren zentralen syste- matischen Überlegungen zu rekonstruieren und verstärkt nach der jeweiligen Theoriearchitektur zu fragen (Füssenhäuser 2005). Für die bereits benannte Vielfalt der gegenwärtigen Theoriepositionen wird die von Mannheim voraus- gesetzte Kollektivität der Denkintentionen unter- stellt. Grundlegende These ist, dass sich in ihren Darstellungen Grundannahmen und Bewegungen finden, die den sich immer wieder neu konstituie- renden Stand und Zeitgeist der Sozialen Arbeit re- präsentieren. Eine solche – zumindest imma- nente – „Kollektivität“ von Denkstilen und -standorten spiegelt sich auch in den sich imTheo- riediskurs auffindbaren Überlegungen zu einer To- pografie theoretisch relevanter Fragen bzw. zu einem Theorieprogramm (Füssenhäuser /Thiersch 2005; Winkler 1995b) wider. Zu einer solchen Topografie gibt es in der Theo- riedebatte Sozialer Arbeit unterschiedliche Vor- schläge, von denen zunächst einige skizziert wer- den. Thiersch und Rauschenbach (1984) beschreiben fünf zentrale Fragen sozialpädagogi- scher Theoriebildung: die Frage nach dem Wissen- schaftscharakter, nach der Lebenswelt der Adres- sat(inn)en, nach der gesellschaftlichen Funktion, nach den Institutionen und, damit verbunden, nach dem Profil professionellen Handelns. Fatke /Hornstein (1987) betonen drei Aspekte so- zialpädagogischer Forschung und Theoriebildung. Aus ihrer Sicht müssen sich diese auf die Beschrei- bung und Analyse der subjektiven Sicht ihrer AdressatInnen beziehen, sie benötigen daneben die Reflexion pädagogischer Prozesse und die Analyse sozialer Problemlagen. Diese drei Aspekte müssen zudem rückgebunden sein in die Reflexion der his- torisch-gesellschaftlichen Bedingungen und Ver- änderungen. Hamburger (1995; 1997) bestimmt Theorie einerseits als „theoretische Reflexion zu einzelnen Handlungsfeldern und Konzepten der Sozialpädagogik“ (1995, 11), andererseits konkre- tisiert sich für ihn diese Bestimmung in Fragen nach der Funktion, der Geschichte, dem Begriff, den Institutionen, der Profession, dem Zusammen- hang der Institutionen in ihren unterschiedlichen Aufgaben und Leistungen und den Formen des sozialpädagogischen Handelns. Winkler (1996) dimensioniert eine Theorie der Sozialpädagogik in sozialgeschichtlich-gesellschaftstheoretische Fragen, in die phänomenologisch konkrete Analyse von Erfahrungen und Handlungen im lebensweltlichen Kontext, in die Ausdifferenzierungen der struktu- rellen Bestimmungen des Feldes und seiner Institu- tionen, in die Klärung der ethischen Grundpro- bleme und in die Bestimmung des professionellen Handelns. Mollenhauer (1998) benennt die vier zentralen Problemlagen der Generation, der Nor- malitätsbalancen, der Armut und der Interkultura- lität, um darin ebenso die Kohärenz sozialpädago- gischer Fragen als auch den Stellenwert für die Pädagogik und Erziehungswissenschaft im wei- teren Kontext zu verdeutlichen. Im Anschluss an die Überlegungen schlage ich für eine solche Topografie einer Theorie der Sozialen Arbeit folgende Dimensionen vor, die von mir als Kristallisationspunkte sowohl disziplinärer als auch professionsgebundener Theoriebestimmung betrachtet werden: Eine Theorie der Sozialen Arbeit setzt eine Bestim- 1. mung des Gegenstands der Sozialen Arbeit als Wissenschaft, aber auch der Praxis voraus. Sie ver- deutlicht dadurch ihren spezifischen Blickwinkel bzw. die zentrale Problemperspektive von Theorie, Forschung wie Praxis.
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