Handbuch 5. Auflage
1770 Therapie und Soziale Arbeit Von Sabine Schneider und Thomas Heidenreich Verhältnisbestimmungen und Entwicklungen: Zwischen Annäherung und Abgrenzung Verhältnisbestimmungen Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Therapie (aus dem Griechischen „therapeia“: Dienst, Pflege) wurde und wird in verschiedenen Kon- texten unterschiedlich bestimmt: Neben Positio- nen, die grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen Therapie und Sozialer Arbeit begründen, lassen sich ebenso Bestimmungen finden, in denen die jeweiligen Differenzen und professionellen Be- sonderheiten als maßgebend in den Vordergrund gestellt werden. Interessant ist, dass trotz identi- scher Vergleichsdimensionen (z. B. Zielen des Handelns) unterschiedliche Einschätzungen vor- genommen werden: Während z. B. (von Gemein- samkeiten ausgehend) das übereinstimmende Ziel sozialpädagogischer und therapeutischer Hand- lungskonzepte in der „Überwindung von mate- riellen, sozialen und psychischen Einschränkun- gen“ gesehen und das jeweilige Handeln unter dem Oberbegriff „Organisation sozialen Lernens“ subsumiert wird (Hompesch-Cornetz / Hompesch 1987, 1040), kommt eine „professionstheoretische“ Analyse zu anderen Schlüssen: Das sozialpäd agogische Ziel der sozialen Integration (einher- gehend mit Elementen sozialer Kontrolle und dem „doppelten Mandat“) wird vom therapeuti- schen Ziel einer personalen Integration (einher- gehend mit vertieften Bearbeitungen personaler Besonderheiten bzw. krankheitswertiger psy- chischer Phänomene) unterschieden (Gildemeis- ter / Günther 2005, 1903). Dass bei der Lösung individueller Probleme sowohl personale als auch soziale Faktoren Berücksichtigung finden sollten, stellt eine Übereinstimmung unterschiedlicher Diskurse dar (dieser Gedanke wird zum zentralen Ausgangspunkt einer eher in den Hintergrund gerückten dritten Position, die unter dem Begriff „Sozialtherapie“ eine Neuorientierung von Thera- pie sowie eine Reorganisation entsprechender Dienste fordert (Richter 2005)). Während in der Diskussion zum Verhältnis von Sozialer Arbeit und Therapie Ende der 1970er Jahre „noch keine Eindeutigkeit“ auszumachen ist (Otto / Schreiber 1978, 4), resümiert Galuske 30 Jahre später für den heutigen Diskurs, dass die jeweiligen Argu- mente „eher auf Differenz, denn auf Gleich- heit“ – insbesondere die Strukturmerkmale der jeweiligen Interventionen betreffend – hindeuten (Galuske 2007, 139). Solche Differenzen werden allerdings verwischt, wenn das Attribut „thera- peutisch“ zur unspezifischen Beschreibung sozial- pädagogischer Hilfeformen Anwendung findet (z. B. „therapeutische“ Wohngruppe) oder in ent- sprechenden Theorieentwürfen „Soziale Thera- pie“ als Leitterminus einer Theorie sozialer Berufe verallgemeinert wird (Johach 1993). Wir wählen daher im Folgenden einen engeren Fokus und beschränken uns bei der Verhältnisbestimmung von Therapie und Sozialer Arbeit – erstens – auf Therapie als Psychotherapie . In den Praxisfeldern So- zialer Arbeit ergeben sich – angesichts wachsender Bedeutung von Psychotherapie – vielfältige Verwei- sungs-, Vernetzungs- und Kooperationsaufgaben, die auf Seiten der Professionellen grundlegendes Fachwissen bezüglich des „Charakters“ psychothera- peutischer Handlungskonzepte voraussetzen. In der folgenden Analyse werden wir uns daher – zwei- tens – auf Überschneidungen aber auch Differenzen sozialpädagogischer bzw. psychotherapeutischer In- terventionsprinzipien konzentrieren. Unsere These ist, dass sich anhand der von Grawe formulierten all- gemeinen bzw. allen Psychotherapien immanenten Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art165, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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