Handbuch 5. Auflage
1779 Tiere und Soziale Arbeit Von Lotte Rose Tiere – warum ein Thema für Soziale Arbeit? Für viele Menschen sind Tiere wichtige Lebens- gefährten. Nach Angaben des Industrieverbands Heimtierbedarf (o.J.) lebten im Jahre 2007 in deut- schen Haushalten 23,2 Millionen Heimtiere – Zier- fische und Terrarientiere nicht mitgerechnet. In mehr als einem Drittel der Haushalte werden Tiere gehalten. In 16% der Haushalte ist die Katze Haus- genossin, dicht gefolgt vomHund. Je älter die Haus- haltsbewohner sind, desto eher lebt dort ein Tier. Ebenso gilt: Wenn Kinder zum Haushalt gehören, ist dort eher ein Haustier zu finden. Nach einer re- präsentativen Studie in Berlin haben 62% der 13- bis 16-Jährigen ein Haustier, nicht wenige sogar mehrere (Bergler/Hoff 2008, 1). Haustiere rangieren für Kinder und Jugendliche bei der Frage nach ihren wichtigen Bezugspersonen weit oben. Für 90% der befragten Kinder und 79% der befragten Jugendlichen sind sie sehr wichtig oder wichtig. Die Beschäftigung mit ihnen gehört zu häufig genannten beliebten Freizeitakti- vitäten. Nicht wenige Kinder zählen ihre Haustiere zu den vollwertigen Mitgliedern ihrer Familie. Im Kontakt mit den Tieren wird sehr „Menschliches“ erlebt. Kinder schildern, dass sie mit ihren Tieren Geheimnisse und Glück teilen, Sorgen und Pro- bleme mit ihnen besprechen (Zinnecker et al. 2002, 32 f.). Angesichts der allgemeinen Verbreitung von Haus- tieren gehören Tiere zwangsläufig auch oft zur Le- benswelt der Menschen, mit denen Soziale Arbeit zu tun hat. Tiere können für sie treue und eng ver- bundene Partner, Projektionsflächen für verschie- denartigste Emotionen und Wünsche sein. Damit erhaltenTiere praktische und theoretische Relevanz für die Soziale Arbeit. Sie muss zum einen dieses Bindungsphänomen verstehen. Zum anderen ist sie jedoch auch in ihrer Praxis herausgefordert, nämlich dann, wenn es darum geht, mit diesen Beziehungsrealitäten fachgerecht und tierschutz- gerecht umzugehen. Bei vielen stationären Einrichtungen, wie z. B. Kin- der- oder Altenheimen ist es nicht möglich, die ei- genen Tierfreunde mitzunehmen oder dort Tiere zu halten – auch wenn sich gewisse Liberalisierun- gen zeigen. Am stärksten wird das Thema in der Wohnungslosenhilfe diskutiert. Angesichts dessen, dass viele Menschen, die auf der Straße leben, einen Hund haben, wird gefordert, dies anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass Wohn- und Unterbrin- gungsmaßnahmen dies berücksichtigen. Auch die Sorge für das Wohlergehen der Hunde wird zum Gegenstand sozialarbeiterischer Bemühungen, wie z. B. die Tiersprechstunde „underdog“ für Obdach- losenhunde in Düsseldorf zeigt. Ernst zu nehmen ist aber auch das Problemfeld des „Animal Hoarding“, das in den USA schon als Krankheit gilt. Es bezeichnet das Phänomen, dass Menschen mehr Tiere bei sich haben, als sie ver- sorgen können, und keine Einsicht haben, dass sie mit den Tieren überfordert sind und ihnen, sich selbst und anderen Haushaltsmitgliedern schaden. Tiere fungieren zudem als „Dienstleister“ in der So- zialen Arbeit – und dies schon seit mehr als 200 Jahren. So lassen sich im Bereich der Psychiatrie und der Behindertenhilfe erste historische Beispiele für den gezielten Einsatz von Tieren finden, z.B. in der Von-Bodelschwing-Anstalt in Bethel. Einen Schub brachte später ein Buch des amerikanischen Kinder- therapeuten Boris M. Levinson, in dem er über die günstige Wirkung von Hunden bei Therapiesitzun- gen mit Kindern berichtete (1962) und das als Klas- siker der tiergestützten Intervention gilt. Tiere werden in sozialen Einrichtungen in verschie- denen Formen eingesetzt – am stärksten derzeit für die Zielgruppen der Kinder und der alten Men- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art166, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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