Handbuch 5. Auflage
1784 Rose Damit offenbart sich auch die moderne Tierliebe als sozial und historisch gebundenes ideelles Pro- dukt. Sie kann sich zunächst nur im Adel und Bürgertum herausbilden, da hier genügender Ab- stand nicht nur zu den Gefahren durch Tiere, son- dern auch zu den existentiellen Abhängigkeiten von Tieren geschaffen worden ist. Erst vor diesem Hintergrund „kann das zunächst ambivalente Tier- bild durch ein emotional positives, mit Begriffen wie ,Liebe‘ belegtes ersetzt werden“ (1990, 239). ImMensch-Tier-Verhältnis schlägt sich nicht allein der Klassenhabitus nieder, sondern es verkörpern sich auch andere soziale Distinktionen wie eth- nische, religiöse und altersbezogene. Vergleichs- weise intensiv sind die geschlechtsspezifischen Differenzen thematisiert – vor allem im Hinblick auf die weibliche Pferdebegeisterung im Jugend- alter (Adolph / Euler 1994; Knauff 1953; Hengst 2000; Wagenmann / Schönhammer 1994). Nach- weislich zeigen Mädchen und Frauen mehr Inte- resse und eine besondere Emotionalität für Tiere. Bereits im Kindesalter sind es mehr Mädchen als Jungen, die Haustiere haben (Bergler /Hoff 2008; Zinnecker et al. 2002). Tierbücher und Tierzeit- schriften werden vor allem von Mädchen gelesen. Bis ins Alter von 40 Jahren überwiegen in den Reit- sportvereinen die weiblichen Mitglieder deutlich. Tierschutzverbände haben überwiegend weibliche Mitglieder. Auch vom „Animal Hoarding“ sind vor allem Frauen betroffen. Bei den Berufen mit Tieren dominieren ebenso Frauen. Für den Beruf des Tierpflegers interessieren sich mehr Mädchen als Jungen. Bei den Pferdewir- ten finden sich mehr Mädchen. Veterinärmedizin ist heutzutage ein Frauenstudienfach. Dazu passt, dass auch das Fachthema der tiergestützten Inter- ventionen sowohl in der Praxis wie in der Theorie stark von weiblichen Expertinnen getragen ist und überwiegend bei Studentinnen auf Interesse stößt. Ausblick Das Tierthema ist für die Soziale Arbeit aus zwei Gründen relevant. Zum ersten praktizieren ein Teil ihrer Fachkräfte und Einrichtungen tiergestützte Interventionen oder sie streben diese an. Dies führt zu intensiven Anleihen bei entsprechenden thera- peutischen Diskursen und Fachorganisationen. Zu wenig werden hierbei jedoch die sozialen Distinkti- onsdynamiken in der Mensch-Tier-Beziehung re- flektiert. Es wird unterstellt, dass der Einsatz von Tieren für alle sozialen Gruppen gewinnbringend ist, ohne zu bedenken, dass die Symbolgehalte von Tieren für verschiedene Gruppen unterschiedlich sein und ernst zu nehmende Zugangsbarrieren er- zeugen können. So ist z. B. das Wissen um kultur- spezifische Tierbilder und -tabus noch unzurei- chend entwickelt. Zum anderen hält ein großer Teil der Klientinnen und Klienten selbst Haustiere. Dies wirft zum ei- nen die Frage auf, wie in der Praxis Sozialer Arbeit mit diesen Ressourcen umgegangen wird oder wer- den sollte, auch wie Fachkräfte sich darauf einlassen können oder auch nicht. Zum anderen ist aber auch zu registrieren, dass es normabweichende Formen der Tierhaltung gibt, die Desintegrations- risiken verschärfen. Dazu zählen das Überschreiten von Tiermengen, unzureichende Sauberkeit und Pflege, auch unzureichende Kontrolle der Aggressi- vität der Tiere oder die Haltung von gefährlichen Kampfhunden. Literatur Adolph, H., Euler, H. (1994): Warum Mädchen und Frauen reiten – eine empirische Untersuchung. Band 19. Univer- sität-Gesamthochschule, Kassel Baum, M. (1991): Das Pferd als Symbol. Zur kulturellen Bedeutung einer Symbiose. Fischer, Frankfurt/M. Bergler, R. (1994): Warum Kinder Tiere brauchen. Herder, Freiburg/Breisgau –, Hoff, T. (2008): Der Einfluss von Hunden auf das Verhal- ten und Erleben von Jugendlichen in der Großstadt Berlin. In: Staatsinstitut für Frühpädagogik (Hrsg.): Online-Fami- lienhandbuch. www.familienhandbuch.de/cmain/f_fach- beitrag/a_Jugendforschung/s_793.html, 08.05.2008 Brakes, P., Williamson, C. (2008): Delfintherapie. Eine Fak- tensammlung, erstellt für die Wal- und Delfinschutzorga- nisation WDCS. In: www.wdcs-de.org/docs/DAT-Report. pdf , 30.7.2008 Buchner, J. (1996): Kultur mit Tieren. Zur Formierung des bürgerlichen Tierverständnisses im 19. Jahrhundert. Neu- mann-Neudamm/Waxmann, Münster /New York – (1991): „Im Wagen saßen zwei Damen mit Bologneser- hündchen.“ Zur städtischen Hundehaltung in der wilhel- minischen Klassengesellschaft um 1900. In: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, 119–137
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