Handbuch 5. Auflage
Tiere und Soziale Arbeit 1783 seinen Distanzgeboten für menschliche Interaktio- nen nicht zulässt. Das Tier kann und darf dagegen freizügig angefasst, gestreichelt und liebkost wer- den und erlaubt so eine Kompensation der Sinnlich- keitsverluste der modernen Gesellschaft. Sprachlose Kommunikation: ■ ■ Da die Kommunika- tion mit dem Tier vorsprachlich stattfindet, bieten sich Tiere besonders gut als Beziehungsobjekte für Menschen mit Sprachstörungen und Kinder an. Kommunikationstrainer: ■ ■ Die vorsprachliche Kom- munikation mit dem Tier sensibilisiert für die Wir- kungen gestisch-symbolischer Zeichen. In der Be- ziehung zum Tier müssen Menschen nicht nur mit dem Körper kommunizieren, sondern auch in den eigenen Mitteilungen klar und eindeutig sein, ge- rade auch, wenn es um Grenzsetzungen geht. Dou- ble-Bind-Botschaften führen beim Tier zu direkt er- kennbaren Irritationen. Diese Erfahrungen bieten Lernchancen für die zwischenmenschliche Kom- munikation. Diagnoseinstrument: ■ ■ Für Fachkräfte bietet sich in sozialpädagogischen oder therapeutischen Set- tings die Chance, in der Beobachtung des Um- gangs von KlientInnen mit dem Tier Anhaltspunkte für sozialpsychologische Diagnosen zu gewinnen. Dies erweist sich insbesondere dort von Vorteil, wo keine oder nur eine minimale Verbalkommunika- tion möglich ist. Der soziale Zeichencharakter der Mensch-Tier-Beziehung In den vorherrschenden therapeutisch-psychologi- schen Betrachtungsweisen der tiergestützten Inter- vention dominieren ungesellschaftliche Konstrukte, die die soziale Codierung der Mensch-Tier-Bezie- hung ausblenden. Weder werden die historischen Wandlungen noch die Ambivalenzen dieser Bezie- hung zur Kenntnis genommen. Dies wiederum leistet den skizzierten Idealisierungen Vorschub. Die Historie des Mensch-Tier-Verhältnisses ist eine von Entmischungen und Vermischungen, in denen sich auf immer wieder neue Weise die Transforma- tionen sozialer Verhältnisse und Distinktionen manifestieren (vgl. kulturhistorische Literatur im Kapitel „Fachdiskurs zur tiergestützten Interven- tion“). Tiere werden zunehmend aus der Alltags- welt verdrängt. Die Technisierung führt zu einem Verschwinden der Arbeits-, Kriegs- und Mobilitäts- tiere. Nutztiere wie Hühner, Schweine, Kühe, Zie- gen und Schafe werden aus den menschlichen Wohnstätten isoliert. Der Abstand zwischen den Wohngebieten und den Terrains für Tiere wird zu- nehmend größer – ablesbar u. a. am Verschwinden bäuerlichen Lebens oder der Tierschlachtungen aus den städtischen Zonen. Besitzerlose Tiere, wie streunende Katzen und Hunde werden verfolgt und eingefangen. Kleinstlebewesen – wie Läuse, Kakerlaken, Spinnen oder Fliegen – werden als Ungeziefer zum Inbegriff des Widerwärtigen und ausgerottet. Ähnliches erleben Vögel und andere Kleinsäuger, die sich im menschlichen Lebens- und Abfallraum aufhalten. Mit Tieren zusammenzuleben wird im Zuge dessen zum Ausdruck gesellschaftlicher Deprivation. His- torische und aktuelle Kulturvergleiche können zei- gen, dass Leben in Armut durch eine große Nähe von Menschen und Tieren gekennzeichnet ist. Umgekehrt symbolisiert sich sozialer Aufstieg in den Praxen des Ausgrenzens und Eliminierens von Tieren. Diesen Vorgängen stehen wiederum Reintegrati- onsprozesse gegenüber. Tiere finden erneut Zugang zu den menschlichen Räumen, jedoch nun in spe- zifischer Weise selektiert, gesäubert, gebändigt, kontrolliert und funktionalisiert. Als Schoß- und Vergnügungstiere bereichern sie die Privatsphäre. Sie werden als Zootiere bestaunt, als Zucht- und Sporttiere dienen sie der Freizeitgestaltung. Ebenso nehmen die medialen Surrogate zu, seien es die Filme mit Tierhelden oder die zahlreichen Tier- Dokumentationen. Im Tierbesitz und Tierumgang verkörpern sich im- mer soziale Kontraste. Distanz und Nähe zu ihnen, Tierart, Tierhaltung und Tierfunktion sind Grad- messer der sozialen Lage. Jutta Buchner führt dies exemplarisch am Beispiel der städtischen Hundehal- tung in der wilhelminischen Klassengesellschaft vor. Sie spricht von einer „Dreiteilung der Hundehaltung nach plutokratischen Regeln“ (1991, 124): die Herr- schaftshunde der „feinen Gesellschaft“ für die Jagd, Vergnügungen und das Repräsentieren, wobei hier die Frauen und Männer noch einmal geschlechts- spezifische Differenzen pflegten; Gebrauchshunde der Handwerker und Arbeiter, die als Wach- und Zugtiere von ökonomischer Bedeutung waren; streunende Hunde, die der städtischen Standesge- sellschaft ein Dorn im Auge waren.
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