Handbuch 5. Auflage
1786 Tod und Hospizarbeit Von Herbert E. Colla Soziale Arbeit als Disziplin und Profession war schon immer mit Tod und Sterben konfrontiert. Seit den 1970er Jahren, im Kontext der sozialwissenschaftli- chen Öffnung der Suizidologie, wurden auch z.B. Suizid und Suizidprophylaxe zu Themen in der Be- ratungspraxis und zum Umgang in sozialpädagogi- schen Einrichtungen und Einrichtungen der Krisen- intervention. Der Suizid ließ sich begreifen als eine Extremform „abweichenden Verhaltens“: Das Indi- viduum weigert sich durch sein Verhalten, gesell- schaftliche Normen zu erfüllen. Der Suizid war auch ein Indiz dafür, dass gesellschaftliche Normen und Werte nicht für alle Individuen oder Gruppen er- reichbar sind oder als attraktiv erscheinen. Inwieweit die Entscheidung zum Suizid aus dem Individuum entspringt oder von der Gesellschaft forciert wird, bleibt offen, die Grenzen sind fließend (Colla 1999). In der Auswertung individueller Problemlagen von jungen Menschen konnten Faktoren beschrieben werden, die einzeln oder gebündelt auftraten, z.B. mit einer relativen Unbestimmtheit ihres Wollens, Realitätsverzerrung in ihrer Wahrnehmung, Krän- kung im Sozialbereich, sozialer Desintegration, Anomie, erfahrenen Demütigungen, erfahrener Ge- walt und/oder Missbrauch, Gefühl des Bedroht- seins, Verlust einer signifikanten Bezugsperson, ge- dachter oder tatsächlicher Trennungsdrohung oder in der Persönlichkeitsstruktur angelehnten oder er- worbenen Dispositionen für psychische Störungen einschließlich der traumatischen Erfahrungen bei Migrationsprozessen. Die Sozialpädagogik suchte die fachlich fundierte Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie, um Synergieeffekte im Be- reich der Problemerfassung und Lösungsstrategien zu erreichen. Diese Ereignisse aber waren in ihrer Dramatik eher Randphänomene des sozialpädagogischen Diskur- ses. Spätestens aber mit der Problematisierung der demographischen Entwicklung geraten die Themen Tod und Sterben als normale Aspekte des Lebens stärker in den Fokus sozialpädagogischer Auseinan- dersetzungen. Der Normalisierungsthese der Sozial- pädagogik nach Lüders und Winkler (1992) folgend wird davon ausgegangen, dass die Inanspruchnahme sozialpädagogischer Dienstleistungen im Kontext von Tod und Sterben normaler wird. Themen der Gesundheitsförderung und Probleme des demographischen Wandels fanden zunehmend ihre Bearbeitung. In den letzten 100 Jahren hat in Deutschland eine Erhöhung der durchschnitt- lichen Lebenserwartung (bei Geburt) um etwa 30 Jahre stattgefunden. Dies ist eine unerhörte Er- rungenschaft der menschlichen Kultur, nicht etwa das Ergebnis biologisch evolutionärer Prozesse, die die menschliche Kultur mit Hilfe von Hygiene, Medizin, Bildung und hohen Lebensstandards er- reicht hat. Gleichzeitig steht diese Entwicklung vor bislang ungelösten Herausforderungen, die sich unter anderem in der Bearbeitung von Demenzen, vor allem im hohen Alter, zeigen. Der Prozess des Alterns und das Alter sind die zu- künftigen gesellschaftlichen Herausforderungen, die auf alle Teilbereiche ausstrahlen: Politik, Wis- senschaft und Arbeitsmarkt sind davon ebenso be- troffen wie Familie und Kultur, soziale Leistungs- systeme ebenso wie Bereiche von Dienstleistungen und Lebenshilfe, der technische Sektor ebenso wie der der Freizeit, der Bildungs- und der Wissen- schaftsbereich. Das junge Alter bzw. das dritte Lebensalter ist nach Baltes (2003) optimierbar über die Entwicklung ei- ner Konzeption des erfolgreichen Alterns, indem ei- nerseits objektive Aspekte medizinischer, psycho- logischer und sozialer Funktionstüchtigkeit genauso wie andererseits subjektive Aspekte von Lebensqua- lität und Lebenssinn einen möglichst ganzheitlichen Prozess beschreiben. Das hohe Alter mit entspre- chender Ausgleichswirkung zu kompensieren, wird Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art167, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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