Handbuch 5. Auflage

Tod und Hospizarbeit 1787 aufgrund der weiteren Abnahme des biologischen Potenzials zunehmend schwieriger, bleibt aber als gesellschaftliche Verpflichtung erhalten (Meyer 2008). Insgesamt ist ein Strukturwandel des Alters, also der Hochaltrigkeit, der Feminisierung und der Singularisierung für die Planung sozialer Dienste zu berücksichtigen. Die Sozialpädagogik bezieht sich insofern auf eine Ethik der Altenpflege, die Auto- nomie und Menschenwürde gerade für den pflege- bedürftigen alten Menschen als normative Prinzi- pien fordert und ein dynamisches Menschenbild entwirft, in dem nicht Ausgrenzungskriterien domi- nieren, sondern Andersheit ausdrücklich und in tä- tiger Solidarität bejaht wird. Mit anderen Worten: Altern, Sterben und Tod als ein „malum naturale“ eröffnen über ihre Bedrohlichkeit für alle den Wer- tebezug und damit die Frage der Verantwortung des Einzelnen gegenüber den Anderen, gegenüber dem Nächsten (Conradi 2001; Nussbaum 1999). Die scheinbaren „Grundübel dieser Welt“ thematisieren also unabdingbar jeden Teil des menschlichen In- der-Welt-Seins, der – eher unausgesprochen als for- dernd – in seinem Appellcharakter des Helfens di- rekt auf ein „malummorale“ rekurriert. Es gehört zu den Leistungen der Sozialpädagogik, zu Altern, Ster- ben und Tod jene Strategien und Einstellungen ent- wickelt zu haben und anzubieten, mit denen das schuldhafte Scheitern imWegsehen, im Verleugnen, im Egoismus, in Unverantwortlichkeit und Men- schenverachtung überwunden werden kann. Tod und Sterben „Incerta omnia, sola mors certa – Ungewiss ist alles, nur der Tod ist gewiss.“ Dieser Ausspruch des Augustinus aus dem ausgehenden 4. Jahrhun- dert besitzt noch seine Relevanz für die Gegen- wart: Das Wissen, dass das Leben endet, ist eine universale, kultur- und zeitüberdauernde, anthro- pologische Grundkonstante, die Individuen und die Gesellschaften, in denen sie leben, in ihrer Existenz bestimmen. Das Dilemma des Menschen als Individuum besteht nun darin, dass er zwar weiß, dass er sterblich ist, aber so lebt, als wäre er unsterblich. Mit dem Tod kann keine Erfahrung gemacht werden, er ist keiner wissenschaftlichen Methode zugänglich. „Der Tod ist transzendent, er wird mit menschlichen Kategorien nicht erfah- ren, aber gewusst. Der Ort der Sinngebung des Todes ist stets eine interpretierende Wirklich- keitsschicht“ (Mennemann 2000). Gleichwohl kann er als etwas Schreckliches, Angst- einflößendes gedeutet werden. Zu den verschiede- nen Ängsten, die auftreten und bewältigt werden sollen, gehören: Angst vor dem Unbekannten, vor der Einsamkeit, Verlust von Nähe und Vertrauen, Liebe, Verlust der Familie und Freunde, Verlust der Selbstkontrolle und Identität, Angst vor Leiden und Schmerzen und schließlich Angst vor Regres- sion (Pattison 1977). Tod und Sterben wurde, so eine These von Ariès (1999), in der modernen Gesellschaft verdrängt und tabuisiert. Dies ist aber als pauschalisierende Zeit- diagnose heute kaum noch haltbar, allenfalls kann von einem begrenzten Tabu gesprochen werden (Walter 1991). Sterben und Tod sind heute stärker als in der Vergangenheit private Ereignisse, die nach den Anstandsregeln der Privatheit kommuniziert werden, wenn sie auch keinen öffentlichen Pflichten unterliegen (Göckenjan 2008). Gegen die Verdrän- gungsthese spricht eine Aufmerksamkeit heischende Thematisierung von Tod und Sterben nicht nur in der Fachöffentlichkeit. Für Walter (1994) ist der Tod eines der am lautesten verhandelten Tabus. Nassehi (2003) spricht von der „Geschwätzigkeit des Todes“. Die Gesetzgebung in den Niederlanden hat das Thema Euthanasie (Aktive Sterbehilfe), ähn- lich auch die Schweiz, in die Öffentlichkeit gebracht. Dort ist durch eine von der deutschen Strafrechts- dogmatik abweichende Position ein medizinisch-as- sistierter Suizid bei Personen mit infauster Prognose möglich. Vergleichbares praktizieren Sterbehilfe- dienstleister (Exit e.V.; Dignitas e.V.) in der Schweiz (Gehring 2007). Es wird um die künstliche Verlän- gerung des Lebens gestritten, Transplantationstech- niken werden auf die öffentliche Agenda gesetzt (Knoblauch/Zingerle 2005). Die „Death Awareness Bewegung“ wurde unter anderem durch die AIDS-Bewegung, insbeson- dere durch die Buddies-Bewegung der Betreuung AIDS-Kranker durch ihre Freunde, aber auch durch die Studie von Kübler-Ross „On Death and Dying“ (1969) in die Medien eingebracht. Zu- dem bedingt die Zunahme der Menschen mit hohem Lebensalter den öffentlichen Diskurs um den Tod. In der „Ästhetik der letzen Dinge“ dokumentiert Hart Nibbrig (1989) die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben in der Malerei, Literatur und

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