Handbuch 5. Auflage
Tod und Hospizarbeit 1793 Bewältigung der Endlichkeit menschlichen Lebens in Respekt vor der religiösen oder weltanschauli- chen Bindung des Patienten, lehnt aber jede Form spiritueller Missionierung ab. Dies schließt an die Vorkehrungen der Entdiskriminierung auf der Ba- sis von ethnischer Zugehörigkeit, sexuellen Orien- tierungen und gesellschaftlichen Rangmustern an. Solche Hospizarbeit realisiert sich in der Annähe- rung an das Ideal einer teamorientierten Koopera- tion, um die formelle Gleichstellung seiner Mitglieder sicherzustellen. Dies erfordert Zuge- ständnisse aller Berufsgruppen, insbesondere die Bereitschaft einer wechselseitigen Anerkennung und Akzeptanz der berufsspezifischen Fachkompe- tenz, Handlungsstrukturen, Werte und Normen. Diesem Ideal stehen jedoch der unterschiedliche Professionalisierungsgrad, Bezahlung und rechtli- che Ungleichrangigkeit und Verantwortlichkeit der Berufsgruppen, z. B. in Form der ärztlichen Wei- sungsbefugnis in vielen Ländern, in denen sich das hospizliche Handeln etabliert hat, entgegen. Die Integration von Ehrenamtlichen bereichert die Praxis. Während in vielen sozialen und sportlichen Bereichen die Anzahl des ehrenamtlichen Engage- ments rückläufig ist, verzeichnen Hospizvereine einen stetigen Zulauf. Es wird geschätzt, dass sich etwa 80.000 Bürgerinnen und Bürger für die Hos- pizaufgaben engagieren. Das offenere Verständnis von Professionalität hospizlicher Arbeit geht davon aus, dass relevante Qualifikationen und Kom- petenzen für Praxis nicht lediglich aus zertifizierten Bildungsabschlüssen resultieren, sondern sich, auf Basiskenntnissen aufbauend, aus einer Vielzahl von Bildungserfahrungen ergeben. Auch wenn haupt- amtliche Mitarbeiter die ehrenamtlich Engagierten als Personen und Träger spezieller Handlungskom- petenzen achten und respektieren, bleiben in der flachen Organisationsstruktur hospizlicher Arbeit Konflikte nicht aus. Für die Hospizarbeit stellt sich heute die Frage, ob die ursprünglich angedachte ambulante Versorgung vor dem Hintergrund des Szenarios des demogra- phischen Wandels ausreichend für eine Betreuung Sterbenskranker zu realisieren ist. Ein würdevoller Umgang mit den eingeschränkten Möglichkeiten der Alltagsgestaltung während des Sterbeprozesses sowie das Erfahren-Können von Solidarität und Mitgefühl bilden den Mittelpunkt der Hospiz- arbeit. Dem hoffnungslos Kranken und Leidenden wird ein „Recht zu sterben“ als ein dem Lebens- recht inbegriffenes Recht garantiert, der Tod aber wird – im Gegensatz zur aktiven Sterbehilfe – nicht herbeigeführt; vielmehr wird Sterbebegleitung ge- leistet. Der der Hospizarbeit eigene Pflegebegriff (palliativ-care) umfasst auch ein psychosoziales Unterstützungssystem für Angehörige und Bezugs- personen, um ihnen zu helfen, den Kontakt zum Sterbenden aufrecht zu halten und für beide Seiten sinnvoll zu gestalten. Die Hospizhilfe unterstützt beim Abschiednehmen, bietet Supervision und Coaching an, damit die Angehörigen und Bezugs- personen später mit der Situation von Verlust und Trauer, auch Statusverlust, leben und sich wieder sozial integrieren können: Sterbebegleitung, nicht aber Sterbehilfe, steht im Mittelpunkt. Der gegenwärtigen Gesellschaft werden somit im theoretischen und praktischen Umgang mit Altern, Sterben und Tod von der Sozialpädagogik Strategien angeboten, die verbreitete Auffassung von den Grundübeln dieser Welt zu korrigieren, die daraus erkennbare Verantwortung zu übernehmen und da- mit das potenzielle moralisch Böse der Ignoranz ge- genüber den Alten und Sterbenden zu überwinden. Speziell die Hospizbewegung bietet sich hier als eine brauchbare und erprobte Option an durch eine spe- zielle Ortsgestaltung unter Berücksichtigung des je- weiligen Milieus und seiner Rituale, damit das Ge- fühl von Fremdheit, Unsicherheit und das der Orientierungsschwäche abgebaut wird. Auch Fragen der ökonomischen Absicherung der Pflege und der Nachsorge für die Hinterbliebenen müssen geklärt werden. Die Betroffenen sollen auf ihrem letzten Weg und in ihrer letzten Zeit in ihrem Alltag be- gleitet werden, um so individuell die Kultur des Helfens zu realisieren. In den USA haben die Medi- cal Social Worker und die Clinical Social Worker eine integrierende Funktion in dem Gesundheits- wesen, einschließlich der Öffentlichkeitsarbeit, ein- genommen. Sie haben ihre Expertise hinsichtlich von Sensibilität für ethnische Problemlagen und Sinnstiftungsthematiken, Netzwerkarbeit, Beratung, Krisen- und Konfliktlösungsstrategien, Counseling und Coaching, administrative Aufgaben etc. einge- bracht. Vergleichbare Positionen im deutschen Ge- sundheitswesen stehen hier in der Ausbildung und damit auch korrespondierend im Praxisverständnis noch aus. Die Hospizidee hat zu überprüfen, inwieweit sie unreflektiert allein einer dominanten Mittel- schichtskultur des Sterbens folgt, um nicht unter-
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