Handbuch 5. Auflage
1795 Transnationalität und Soziale Arbeit Von Wolfgang Schröer und Cornelia Schweppe Die Begriffe Transnationalität und Transnationali- sierung finden seit Anfang der 1990er Jahre auch in der Sozialen Arbeit eine wachsende Aufmerk- samkeit (Homfeldt et al. 2008). Allgemein werden mit diesen Begriffen Prozesse bezeichnet, die nicht mehr nur an einzelne Länder geknüpft sind, son- dern den nationalstaatlichen Referenzrahmen über- schreiten und grenzüberschreitend entfaltet und aufrechterhalten werden. In der aktuellen sozialpädagogischen Diskussion in Deutschland ist kaum zu übersehen, dass Be- grifflichkeiten und Konzepte aus dem transnatio- nalen sozialwissenschaftlichen und sozialpoliti- schen Diskurs wie selbstverständlich genutzt werden. Zudem prägen transnationale Entwick- lungen, Netzwerke und Organisationen die dis- ziplinären und professionellen Diskussionen der Sozialen Arbeit mit. Darüber hinaus haben auch transnationale Abkommen und Programme, z. B. der UN oder der Europäischen Union, Einfluss auf sozialpädagogische Entwicklungen. Auch die Handlungspraxis der Sozialen Arbeit ist nicht mehr nur an einen nationalstaatlichen Rahmen gebunden. Zudem spannen sich die Lebenslagen, Lebenswelten und Bewältigungsprozesse der Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit zunehmend grenzüberschreitend auf. Dennoch ist das Konzept der Transnationalität bis- lang nicht systematisch in die disziplinären und professionellen Analysen der Sozialen Arbeit einge- flossen. Angesichts der Heterogenität der sozialen Phäno- mene und der sozialen Institutionalisierungsgefüge im transnationalen Kontext erscheint es für die Sozialpädagogik weiterführend, zunächst an der entwickelten Praxis und dem erzeugten Wissen so- zialer Unterstützung in transnationalen Kontexten anzusetzen und dies dahingehend zu analysieren, inwieweit hierdurch die Handlungsfähigkeit der Akteure gestärkt bzw. die Handlungsoptionen er- weitert werden. Zum Begriff Transnationalität Transnationalität und Transnationalisierung sind weder neue Begriffe noch beschreiben sie neue Phänomene; allerdings haben sie im letzten Jahr- zehnt einen erheblichen Aufschwung erfahren und wurden entsprechend ausdifferenziert. Pries geht davon aus, dass es ein von vielen getragenes Grund- verständnis gibt: „In einem sehr weit gefassten Begriffsverständnis bezieht sich transnationalism auf Zugehörigkeitsgefühle, kultu- relle Gemeinsamkeiten, Kommunikationsverflechtungen, Arbeitszusammenhänge und die alltägliche Lebenspraxis sowie die hierauf bezogenen gesellschaftlichen Ordnun- gen und Regulierungen, die die Grenzen von National- staaten überschreiten. In einer engen Fassung […] wer- den damit nur sehr dauerhafte, massive und strukturierte bzw. institutionalisierte Beziehungen bezeichnet, die pluri-lokal über nationalgesellschaftliche Grenzen hinweg existieren.“ (Pries 2002, 264) Transnationalität zeichnet sich somit dadurch aus, dass Wissens- und Handlungsformen quer zu na- tionalstaatlichen Grenzen verlaufen und hierdurch ihren geographischen und sozialräumlichen natio- nalen Referenzrahmen erweitern (bzw. verlieren). Transnationalität ist durch Kreisläufe von Men- schen, Waren, Geld, Symbolen, Ideen und kultu- rellen Praktiken charakterisiert. Hierbei bilden sich neuartige biographische, räumliche und institutio- nelle transnationale Strukturmuster. Entsprechend beschränkt Ong (2005) Transnationalität „nicht nur auf ein neues Verhältnis zwischen National- staat und Kapital“, sondern verweist „auch auf die Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art168, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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