Handbuch 5. Auflage
1796 Schröer · Schweppe transversalen, transaktionalen und transgressiven Aspekte gegenwärtiger Verhaltensweisen und Vor- stellungen, die durch die sich wandelnde Logik des Staates und des Kapitalismus erzeugt, ermöglicht und reguliert werden“ (2005, 12). Dabei beschreibt sie vor allem die kulturellen Verflechtungen und Mobilitäten über räumliche Grenzen hinweg und fasst transnationale Prozesse als „situierte kulturelle Praktiken“ (29 f.), die auch neue Formen der Sub- jektbildung ermöglichen können. Transnationalität kann somit als sozialer Verflech- tungszusammenhang verstanden werden, der so- wohl die Mikroebene sozialer Wirklichkeit, also die sozialen Positionen und Positionierungen der Akteurinnen und Akteure, ihre alltagsweltliche Lebenspraxis, Lebensstile, biographischen Projekte und Identitäten, wie auch die Makroebene, d. h. die sozialen und politischen Bedingungen, betrifft. Diese emergenten grenzüberschreitenden gesell- schaftlichen Formationen haben eine ökonomi- sche, soziale, kulturelle und politische Dimen- sion – in der Regel ist ihre Dynamik durch komplexe Wechselwirkungen zwischen diesen Di- mensionen bestimmt. Zwei Felder der Transnatio- nalitätsforschung erscheinen dabei für die Soziale Arbeit von besonderer Relevanz: Transmigration und Transnationale Hilfsorganisationen . Transmigration und transnationaler Alltag Der Begriff Transmigration wurde in die Migrati- onsforschung eingeführt, um der dominanten Konzeptualisierung von Migration als Bewegung in eine Richtung – d. h. vom Herkunfts- in das Aufnahmeland – und dem darin implizierten Grundmodell der (mehr oder weniger zögerlichen) Integration und Adaptation der Migrantinnen und Migranten in die Aufnahmeländer kritisch zu be- gegnen (Glick Schiller 1992; Blash et al. 1994). Levitt /Glick Schiller (2003) gehen davon aus, dass die Migrationsforschung bislang durch binäre Konzepte geprägt war (z. B. Herkunftsland / An- kunftsland, Bürger /Nicht-Bürger, Akkulturation / kulturelles Beharren), weil sie nationale Grenzen zur natürlichen Einheit der Forschung machte und Gesellschaft mit Nationalgesellschaft gleichsetzte. Indem die Transmigrationsforschung demgegen- über von neuen Formen der Grenzziehung ausgeht, die quer zu Herkunfts- und zu(r) Ankunfts- region(en) liegen, nimmt sie (neue) Formen und Inhalte von Selbstvergewisserungen und Weltsich- ten, kulturellen und sozialen Orientierungen, Ar- beitsstrategien, Zugehörigkeiten und sozialen Po- sitionierungen von Menschen in den Blick, die insofern multipel sind, als ihnen nicht ein mehr oder weniger geschlossenes Referenzsystem (die Herkunftsgesellschaft oder Ankunftsgesellschaft) zugrunde liegt, sondern weil sie Elemente der Her- kunfts- und Ankunftsregion(en) aufnehmen. Ein wesentlicher Fokus der Transmigrationsfor- schung richtet sich auf eine handlungs- und ak- teurszentrierte Perspektive. Folglich ist die Zuwen- dung zu alltagsweltlichen Beziehungsgeflechten und grenzüberschreitenden Interaktionen von Sub- jekten und Akteursgruppen „von unten“ ein spezi- fischer Forschungszugang der Transmigrationsfor- schung. Viele empirische Studien belegen, dass und wie Transmigration als alltagsweltlicher grenz- überschreitender Interaktionszusammenhang und als alltagsweltlich erfahrene, verankerte und gelebte soziale Welt begriffen werden kann (z. B. Smith / Guarnizo 1998; Portes 1999). Entsprechend wird z. B. auf die Bedeutung der Differenzierung von Identitätskonzepten durch hybride oder multiple Sowohl-als-auch-Identitäten (Mecheril 2003) und auf die Differenzierung von Biographiekonzepten durch transnationale Lebensverläufe hingewiesen (Apitzsch 2003; Apitzsch / Siouti 2008). Transnationale Hilfsorganisationen und Global Governance In den vergangenen zwanzig Jahren lässt sich zudem eine gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber Trans- nationalen Hilfsorganisationen verzeichnen, die so- ziale Unterstützungs- und Hilfeprozesse rahmen und herstellen. Dies erklärt sich aus der gegenwärti- gen Ausdifferenzierung und Neugestaltung von Transnationalen Organisationen. Sie produzieren zunehmend Wissen und prägen soziale und politi- sche Entwicklungen, die wiederum Auswirkungen auf die Gestaltung von lokalen und/oder trans- nationalen Unterstützungskontexten haben. In poli- tikwissenschaftlicher Perspektive werden sie gegen- wärtig vor allem aus der Perspektive der Global Governance diskutiert. In der einschlägigen Dis- kussion wird herausgearbeitet, dass Transnationale Hilfsorganisationen nicht im Sinne einer linearen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=