Handbuch 5. Auflage

1800 Schröer · Schweppe  zwischen den Migrantinnen und Migranten als Geber und denjenigen hin, die in der / den Her- kunftsregion(en) Leistungen und Hilfe erhalten. Diese Interessensunterschiede laufen häufig zu Gunsten der Ersteren hinaus, insbesondere auch durch deren Unterstützung durch Regierungs- oder Parteienvertreter, die ihnen durch ihre Rolle als „mayor donar“ eine besondere Aufmerksamkeit schenken. Ebenso werden angesichts der z.T. recht großen Leistungen an die Herkunftsregion(en) ein Rückzug der Regierungen oder zumindest keine Veränderungen der bisherigen Entwicklungsstrate- gien in den Herkunftsländern befürchtet. Ebenfalls zeigt sich, dass die Hilfeleistungen, die auch unter Bedingungen der Armut aufrechterhalten werden, zumTeil zu erheblichen Belastungen der Gebenden führen (Hollstein et al. 2009). Transnational Professional Intervention Transnationale Unterstützungsprozesse stellen für professionelle Hilfeleistungen in zweifacher Hin- sicht eine Herausforderung dar. Zum einen betrifft dies die lokalen Sozialen Dienste, weil sich ein so- zialer Unterstützungsbedarf infolge problemati- scher Folgewirkungen von transnationalen Unter- stützungsprozessen „vor Ort“ manifestiert. Es sei z. B. auf die prekären Arbeits- und Lebensbedin- gungen von Hausangestellten in Privathaushalten sowie auf die ambivalenten und teilweise belasten- den Erwartungen u. a. von Familienangehörigen hingewiesen, die häufig an Transmigranten gestellt werden. Transnationale Unterstützungsprozesse sind für lo- kale soziale Dienste deshalb eine besondere Heraus- forderung, da diese – insbesondere in Deutsch- land – im Wesentlichen im Rahmen national- und sozialstaatlicher Institutionalisierungsprozesse ent- wickelt wurden. Sie haben zwar auf Prozesse der Migration und die Lebenslagen von Migrantinnen und Migranten reagiert und Konzepte der Inter- kulturellen Pädagogik entwickelt. Diese basieren allerdings meist auf Interpretationsperspektiven ei- ner nationalräumlich definierten Gesellschaft und werden den Lebenspraxen von Transmigrantinnen und Transmigranten mitunter nicht gerecht. Gleichzeitig ist eine langsame Öffnung dieser Per- spektiven zu beobachten. So werden z. B. Konzepte der Diversität in sozialen Diensten zur Begegnung von Lebensformen und Lebenspraxen von Trans- migrantinnen und Transmigranten aufgenommen (Leiprecht /Vogel 2008). Einige soziale Dienste, die unmittelbar die soziale Unterstützung von Transmigrantinnen und Transmigranten in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen, sind inzwischen ebenso entstanden (z. B. Weinkopf 2002). Zum zweiten gewinnt aber auch die professionelle soziale Intervention im Rahmen Transnationaler Hilfsorganisationen (Gerstner et al. 2006) an Be- deutung. Insgesamt begründen Transnationale Hilfsorganisationen ihre sozialen Interventionen häufig über Ansätze, die allgemein auf die Stärkung der Handlungsmächtigkeit der Akteure zielen. Als zentrale Konzepte wird häufig auf Lobbying- und Advocacy- sowie Empowerment-Ansätze zurück- gegriffen. Gleichzeitig werden die Förderung zivil- gesellschaftlicher und eigenverantwortlicher Sozial- strukturen sowie die Bildung von Human- und Sozialkapital gefordert. Dabei scheint weitgehend Konsens zu bestehen, dass dies nicht allein durch die Absicherung formeller Grund- und Bürger- rechte zu erreichen ist, sondern dass Menschen über Anrechte (entitlements) wie über die kulturel- len, politischen und materiellen Ressourcen ver- fügen und in ihrer Handlungsmächtigkeit gestärkt werden müssen (Novy / Schröer 2006), die erfor- derlich sind, um von ihren Rechten Gebrauch ma- chen zu können (Goetze 2002; Sen 2002). Diese Ansätze werden häufig in Perspektiven einer sog. sozialen Entwicklung „von unten“ eingebettet (Novy 2007, 37). Im Rahmen solcher Perspektiven wird der „unterstützende“ Akteur gezielt mit in die Betrachtung der sozialen Entwicklungsprozesse in- tegriert. Allerdings sind die Schwierigkeiten, „mit den Schlagworten wie ‚Partizipation‘ und ‚Empo- werment‘ aus dem ‚Entwickelt-Werden‘ ein ‚Sich- Entwickeln‘ zu machen“, augenscheinlich (Kößler 2004, 71). Der methodologische Nationalismus in der Sozialen Arbeit Zur Öffnung der Sozialen Arbeit gegenüber trans- nationalen Prozessen ist eine Auseinandersetzung mit der im Rahmen der transnationalen For- schung geführten Diskussion über den „metho- dological nationalism“ (Wimmer / Glick Schiller

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