Handbuch 5. Auflage

Transnationalität und Soziale Arbeit 1799 Migrationspolitik deutlich genderpolitisch kon- notiert sei. So sei die neuere Debatte lediglich auf ökonomische Ressourcen im Sinne der klassischen Segmente der Erwerbsarbeit fokussiert und definiere auch die Bedingungen für den Erwerb von „citizen- ship“ nahezu ausschließlich hiernach. Dagegen führe „care“ als Form von Arbeit, durch die das so- ziale Zusammenleben gesichert werde, nicht zur Festigung des Aufenthaltsstatus oder zum Erwerb von Bürgerrechten. Darum müsse in den Einwan- derungsdebatten nicht nur über „brain circulation“, sondern ebenso über „care circulation“ gesprochen werden. Die Gewährleistung sozialer Staatsbürger- schaft zur Absicherung von Sorgetätigkeiten komme einer geschlechterdemokratischen gesellschaftlichen Öffnung gleich, die unbeschränkten Zugang zur öffentlichen und privaten Sphäre für beide Ge- schlechter einschließt und vorhandene Geschlech- terdomänen hinterfragt (Brückner 2008). Transnational Communities Transnational Communities und Selbstorganisa- tionen von Transmigrantinnen und Transmigran- ten sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich auf der Grundlage spezifischer sozialer, kultureller, politischer und / oder wirtschaftlicher Interessen und Motivationen, gemeinsamer regionaler und / oder nationaler Herkunft bzw. gemeinsamer Werte oder Weltanschauungen entwickeln und ihre Akteurinnen und Akteure transnational han- deln. In Anlehnung an Faist (2000) lassen sich diese transnationalen Netzwerke in zwei Gruppen unterscheiden: Erstens bestehen Netzwerke, die durchKreisläufe vonMenschen, Gütern und / oder Informationen zwischen zwei oder mehreren Län- dern charakterisiert sind und auf dem Prinzip des Austauschs und / oder der instrumentellen Gegen- seitigkeit basieren. Zweitens existieren Netzwerke, in denen Menschen in der / den Ankunfts- region(en) und der / den Herkunftsregion(en) durch starke und dichte soziale und symbolische Bindungen mehr oder weniger dauerhaft an- einander gebunden sind und auf der Basis von Solidarität einen hohen Grad sozialer Kohäsion oder ein gemeinsames Repertoire symbolischer und kollektiver Repräsentationen entwickelt ha- ben. Die bisherige Forschung hat vor allem auf die so- zialen und wirtschaftlichen Leistungen von Trans- national Communities und Selbstorganisationen von Transmigrantinnen und Transmigranten für die Herkunftsländer hingewiesen. Die Weltkom- mission für Migration (Global Commission 2005) betont explizit die Leistungen der Selbstorganisa- tionen von Migrantinnen und Migranten in Bezug auf ihre Herkunftsländer. Ihnen wird mittlerweile ein erhebliches Entwicklungspotenzial für die Her- kunftsländer beigemessen. Obwohl die diesbezügliche Forschung insgesamt noch am Anfang steht, macht die US-amerika- nische Forschung die sozialen Initiativen von Transnational Communities und Selbstorganisa- tionen von Transmigrantinnen und Transmigran- ten vor allem im Hinblick auf die Herkunfts- region(en) deutlich. Portes u. a. (2005) ermitteln in ihrer Pionierstudie – eine erste, groß angelegte ver- gleichende Umfrage zu lateinamerikanischen Selbstorganisationen von Transmigrantinnen und Transmigranten in den USA – dass ein Großteil der Transmigrantinnen und Transmigranten in den Bereichen Schule, Ausbildung und Gesundheit so- wie für Kinder und alte Menschen Leistungen für ihre Heimatländer erbringt, sei es in Form von Geld, technischen Geräten, Materialien, freiwil- liger Arbeit oder spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten. Andere Studien belegen zusätzlich Aktivitäten und Leistungen zur Verbesserung der Situation von Frauen, im Bereich der Menschen- rechte und infrastruktureller Verbesserungen sowie die Hilfe bei Katastrophen in den Herkunftslän- dern (Orozco 2004). Für den weit entwickelten und recht gut beforschten transnationalen Raum zwischen den USA und La- teinamerika zeigt sich, dass diese Netzwerke bei Weitem keine Einzelphänomene sind. Entsprechend werden sie auf nationaler Ebene sowohl der Her- kunftsländer als auch der Ankunftsländer ebenso wie auf internationaler Ebene zum Gegenstand pri- vater und öffentlicher Programme. Die Netzwerke vonTransmigrantinnen undTransmigranten werden somit wieder in ein weit gespanntes Netz politischer und sozialer Akteure eingebettet, wobei offen bleibt, inwieweit hierdurch ihr Profil als Selbstorganisation beeinflusst wird. Allerdings werden diesbezüglich auch ambivalente Befunde deutlich. Levitt (2001) weist auf die zum Teil unterschiedlichen Interessen und Erwartungen

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